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Kommentar: Meister der Durchsetzungsfähigkeit. Wolodymyr Selenskyj in Aserbaidschan

28.04.2026 18:33
Am Samstag, dem 25. April, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskyj Aserbaidschan einen Arbeitsbesuch abgestattet. Er kam direkt aus Saudi-Arabien. In Baku traf er Präsident Ilham Aliyev, sprach mit ukrainischen Experten vor Ort, die ihr Know-how im Bereich Luftverteidigung weitergeben, und nahm zudem an einem separaten Treffen der Außenminister beider Staaten teil. Ein Kommentar vom Kaukasus-Experten Wojciech Górecki. 
Wolodymyr Selenskyj
Wolodymyr SelenskyjReuters

Konkretes Ergebnis der Visite waren sechs unterzeichnete Abkommen. Sie betreffen die Zusammenarbeit im Verteidigungssektor – einschließlich der gemeinsamen Produktion von Rüstungsgütern, etwa Drohnentechnologien – sowie Energie und Handel. In den Medien fand vor allem Selenskyjs Vorschlag Beachtung, mögliche künftige ukrainisch-russische Verhandlungen (unter Beteiligung der USA) in Aserbaidschan auszurichten.

Der Vorstoß an das Kaspische Meer hatte jedoch vor allem symbolisches Gewicht – und Symbolik ist auch in der Politik ein Faktor. Selenskyj demonstrierte Entschlossenheit, den außenpolitischen Handlungsspielraum Kiews zu erweitern und in Räume vorzudringen, die Moskau als seine Einflusssphäre betrachtet. Und dabei dürfte es nicht bleiben. Zwar ist es noch nicht bestätigt, doch vieles spricht dafür, dass er am 4. Mai am achten Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Jerewan teilnehmen wird.

Auch Aliyev setzte Signale. Er demonstrierte Unabhängigkeit, die Bereitschaft zur weiteren Emanzipation vom russischen Einfluss und Konsequenz beim Ausbau der Position Aserbaidschans als wichtiger regionaler Akteur – einer sogenannten „middle power“.

Trotz enger Verflechtungen zwischen Baku und Moskau – Russland bezeichnet Aserbaidschan weiterhin als „strategischen Partner“ – zählt für den pragmatischen Aliyev letztlich nur das Interesse seines eigenen Staates. Dieses verfolgt er entschlossen und ohne Sentimentalität – nach dem Prinzip: Aktion und Reaktion.

Als im Juni vergangenen Jahres bei einem brutalen Einsatz der russischen Polizei in Jekaterinburg zwei ethnische Aserbaidschaner ums Leben kamen, reagierte Baku prompt: Eine Sitzung der gemeinsamen interparlamentarischen Kommission wurde abgesagt, ebenso ein geplanter Besuch des Vizepremiers. Gleichzeitig durchsuchte die aserbaidschanische Polizei die Büros der russischen Agentur Sputnik und nahm zwei Journalisten fest, die als getarnte FSB-Mitarbeiter galten.

Aserbaidschan unterstützt die Ukraine zudem kontinuierlich mit humanitärer Hilfe – und erhöht diese demonstrativ in Phasen angespannter Beziehungen zu Moskau. So etwa nach russischen Angriffen auf aserbaidschanische diplomatische Einrichtungen und Energieinfrastruktur in der Ukraine oder nach dem Abschuss eines Passagierflugzeugs der Fluggesellschaft AZAL am 25. Dezember 2024. 

Selenskyj gilt als ausgesprochen durchsetzungsstark. Sein aserbaidschanischer Amtskollege steht ihm in dieser Hinsicht kaum nach.

Bemerkenswert ist schließlich der Kontext der Reise: Es war Selenskyjs erster Besuch seit dem 24. Februar 2022 in einem Staat der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Zwar war er bereits in Moldau – allerdings im Rahmen eines Gipfels der Europäischen Politischen Gemeinschaft. Zudem befindet sich Chișinău auf dem Weg aus der GUS. Aserbaidschan hingegen zeigt bislang keine Eile, die Organisation zu verlassen.


Autor: Wojciech Górecki 

Wojciech Osiński ist leitender Spezialist im Team für die Türkei, den Kaukasus und Zentralasien am OSW. Autor von Reportagebüchern über den Kaukasus und Zentralasien.