Deutsche Redaktion

Die Kraft der Solidarität

31.08.2021 09:15
Vor 41 Jahren, am 31. August 1980, wurde in Danzig die Solidarność gegründet. Damit läutete Polen das Ende des Ostblocks ein. Doch der Gedanke der Solidarität ging verloren – mit Auswirkungen bis heute.
Gest Victorii na tle historycznej bramy nr 2 Stoczni Gdańskiej
Gest "Victorii" na tle historycznej bramy nr 2 Stoczni GdańskiejPAP/Adam Warżawa

Die Entstehung der Solidarność war gegen Ende des 20. Jahrhunderts eines der wichtigsten Ereignisse in Polen, aber auch in der ganzen Welt. Sie war der Moment, der das Wesen des leninistischen Systems veränderte. Bis dahin hatte die kommunistische Partei in diesem System das Herrschaftsmonopol. Dies änderte sich mit der Gründung der Solidarność. Damals bildete sich eine Generation von Aktivisten heraus, die sich später an den runden Tisch setzte, um zu verhandeln, und schließlich eine Schlüsselrolle im demokratischen Polen spielte. Ohne die Augustabkommen und ohne die Solidarność, die als Ergebnis dieser Gespräche entstand, hätte es die Wahlen vom 4. Juni 1989 nicht gegeben.

Die Tatsache, dass am 31. August 1980 die Existenz der Gewerkschaft Solidarność legalisiert wurde, war aus drei Gründen wesentlich. Erstens war dies ein Signal dafür, dass der Kommunismus nicht ewig währen würde. Bis dahin schien dieses System unüberwindbar zu sein, niemand konnte sich vorstellen, eine Alternative dazu vorzuschlagen. Zweitens bewies die Solidarność, dass ein neues Nachkriegspolen entstanden war; dass es nicht nur einen kommunistischen Staat gab, sondern auch eine polnische Bevölkerung, die sich mit ihm nicht identifizierte. Drittens bewies die Solidarność, dass in Polen eine echte Bürgergesellschaft existierte, die tatsächlich über ihre Werte und die Richtung der Entwicklung diskutierte. Die Solidarność ermöglichte diese Diskussion.

Neue Bewegung

In Polen lernten Generationen von Oppositionellen von den vorherigen, von jenen, die früher protestiert hatten. Solche Erfahrungen sind in einer Situation, in der Zusammenarbeit zählt und der Aufbau von Beziehungen unerlässlich ist, ein überaus wertvolles Kapital. Die Streiks selbst waren nicht nur ein Ausdruck von Protest, sondern bildeten auch den Rahmen, um eine neue Bewegung aufzubauen und neue Strukturen zu schaffen. Das war im August 1980 in der Danziger Werft das Wichtigste. Man darf die Streiks nicht nur als Aufstand gegen die kommunistische Herrschaft betrachten, sondern auch als ein Beispiel für langfristiges Denken, für den Aufbau einer Bewegung.

Der Zusammenbruch des Kommunismus war auch die Folge der Politik Michail Gorbatschows. Der sowjetische Staatsmann verstand offensichtlich nicht, inwieweit das äußere Imperium ein integraler Bestandteil des gesamten Systems war. Heute kritisieren die Russen Gorbatschow für seine Ende der 80er-Jahre gefassten Entscheidungen. Doch diese Kritik ist übertrieben. Gewiss, er hat taktische Fehler gemacht, aber sein politisches Konzept war ein sehr mutiges Experiment. Das Wesen dieses Konzepts hatte er Erich Honecker, dem kommunistischen Anführer der DDR, vorgestellt, dem er ausdrücklich sagte, er würde jedem Staat des sozialistischen Blocks gestatten, seinen eigenen Entwicklungsweg zu wählen. Das war ein überaus wichtiger historischer Schritt.

Dieser Schritt erwies sich als taktischer Fehler, da es zu jener Zeit in Polen bereits Aktivisten gab, die bereit waren, die sich bietenden Chancen sofort zu nutzen. Auf der anderen Seite musste das kommunistische Regime – gemäß den Richtlinien Gorbatschows – mit jemandem Verhandlungen aufnehmen, und in Polen hatten sie diesen jemand. Auf diese Weise begann jener Prozess, der letztendlich zur Demontage des Kommunismus führte.

Vergessene Solidarität

Die Länder Mitteleuropas wussten die Gelegenheit, die sich ihnen nach dem Fall des Kommunismus eröffnet hatte, hervorragend zu nutzen. Mit einem Vorbehalt: Im Verlauf des Wandels ging der politische Gedanke, der in den 70er- und 80er-Jahren entstanden war, verloren. Ab 1989 folgte man einfachsten Handlungsplänen, die die Politik auf Wirtschaftsbelange reduzierten. Man begeisterte sich unreflektiert für die Möglichkeiten, die die freie Marktwirtschaft bot, im Glauben, diese werde alle Probleme lösen. Aber dem ist nicht so. Auch bei der Einführung der freien Marktwirtschaft darf man die Politik nicht außer Acht lassen. Und daran fehlte es in den 90er-Jahren. Sehr schnell vergaßen sowohl Polen als auch die anderen Länder des ehemaligen Ostblocks auf die schlichte und einfache Solidarität. Die Ereignisse des Jahres 1989 wären ohne die Solidarność-Bewegung nicht möglich gewesen, aber auch nicht ohne die zwischenmenschliche Solidarität in ihrer traditionellen Bedeutung. Später wurde sie hintangestellt. Die Konsequenzen dieser mangelnden Solidarität sind in den Ländern der gesamten postkommunistischen Region bis heute spürbar.


Timothy Snyder


Dieser Text erschien auch in der Zeitschrift "Wszystko Co Najważniejsze" und der österreichischen Tageszeitung "Der Standard".


Timothy Snyder ist Historiker, Professor an der Yale University und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Zahlreiche Publikationen, unter anderem "Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand" und "Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin".