Deutsche Redaktion

Kommentar: Der Rücktritt des ukrainischen „Vizepräsidenten“

29.11.2025 19:42
„Die rechte Hand“, „der Zwillingsbruder“, „nicht die erste, aber auch nicht die zweite Person im Staat“, „der Vizekönig“ – fast sechs Jahre lang hatte Andrij Jermak, bis Freitag der mächtige Leiter des Präsidialamts, viele Bezeichnungen angesammelt, die seine Unersetzlichkeit für Wolodymyr Selenskyj beschrieben. Er war dessen Schatten, begleitete ihn fast bei allen Aktivitäten im In- und Ausland und erfüllte die wichtigsten Aufgaben – etwa die Gespräche mit Russen und Amerikanern über die Beendigung des Krieges. Am 28. November nahm Selenskyj jedoch seinen Rücktritt an. Ein Kommentar von Osteuropaexperte Tadeusz Iwański.
Der Leiter des ukrainischen Prsidialamts, Andrij Jermak, ist wegen Korruptionsvorwrfen zurckgetreten.
Der Leiter des ukrainischen Präsidialamts, Andrij Jermak, ist wegen Korruptionsvorwürfen zurückgetreten. Foto: unian

Der unmittelbare Anlass ist ein seit drei Wochen andauernder Korruptionsskandal auf den höchsten Regierungsebenen. Die unabhängigen Behörden – das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) und die Anti-Korruptions-Staatsanwaltschaft (SAP) – enthüllten im Rahmen der Operation „Midas“ abgehörte Gespräche und erhoben Anklagen gegen Personen aus dem engsten Umfeld Selenskyjs – unter anderem gegen seinen Freund aus der Showbranche, Tymur Minditsch, genannt „Karlson“, sowie den früheren Vizepremier Olexij Tschernyschow, genannt „Che Guevara“. Jermak kommt in den veröffentlichten Aufnahmen nicht vor, doch angeblich existieren solche Aufzeichnungen.

Ali Baba – so soll Jermaks operativer Deckname bei den Diensten gelautet haben – wird das Offensichtliche vorgeworfen: Wenn er ein derart zentralisiertes Machtsystem aufgebaut hat, konnte er von der Korruption auf höchster Ebene nicht nichts gewusst haben und hätte Anzeige erstatten müssen. Darüber hinaus soll er versucht haben, die Arbeit der Behörden zu blockieren und ihre gesetzlichen Kompetenzen bereits im Juli einzuschränken – bis die ersten gesellschaftlichen Proteste und Kritik aus Brüssel die Regierung zwangen, die skandalösen Änderungen zurückzunehmen. Offizielle Vorwürfe wurden Jermak bislang nicht gemacht, aber am Morgen des 28. November durchsuchten die Behörden seine Wohnung.

Die Entscheidung, einen Menschen zu entlassen, der dem Präsidenten so nah stand, muss für Selenskyj emotional äußerst schwierig gewesen sein. Das Ausmaß der Vertrautheit zwischen Selenskyj und Jermak entsprach direkt dem Ausmaß des Hasses seiner Kritiker. Ganz oben auf der Liste der Vorwürfe standen die Zentralisierung der Macht, deren Missbrauch sowie Nepotismus. All dies führte zu einem System, in dem Schlüsselpositionen in Regierung, staatlichen Unternehmen und lokaler Verwaltung von seinen Leuten besetzt wurden. Paradoxerweise gab es vergleichsweise wenige Vorwürfe der Korruption. Andrij Jermak soll eher macht- als geldgierig gewesen sein. Seine Entscheidung, unmittelbar nach dem Rücktritt an die Front zu gehen und zu kämpfen – so heldenhaft und ehrenhaft sie klingt – wird NABU und SAP kaum davon abhalten, die Ermittlungen fortzusetzen. Die Angelegenheit ist inzwischen fast persönlich geworden.

Die Entlassung Jermaks, obwohl sie in der Luft lag, kam dennoch überraschend. Nach geltendem Recht ist er unschuldig, er wurde nicht einmal vernommen. Die Entscheidung des Präsidenten könnte daher darauf hindeuten, dass ihm informell Beweise für Verstöße seines Mitarbeiters vorgelegt wurden – und dass diese unwiderlegbar sind. Sie kann auch signalisieren, in welch schwieriger Lage und unter welch enormem Druck sich der Präsident befindet: Nicht nur ein aktiver Teil der Gesellschaft fordert Jermaks Kopf, sondern auch seine eigene Fraktion im Parlament. Üble Stimmen sprachen sogar von einer Rebellion und der Drohung, sich bei Abstimmungen zu verweigern, falls Selenskyj seinen Büroleiter nicht entlässt.

Seine Entlassung, seit Langem auch von westlichen Partnern verlangt – die USA deuteten diese Lösung bereits während Joe Bidens Amtszeit an, und führende Medien wie Financial Times, Politico, The Times oder The Economist überboten sich in teils dämonisierenden Porträts über Jermak – zeugt einerseits von Selenskyjs Schwäche, der sich dem Druck der „Straße und des Auslands“ beugte. Andererseits eröffnet sie ihm die Chance, die Kritiker zum Schweigen zu bringen, einen Neuanfang zu wagen und seine Position mit neuen Leuten und (möglicherweise) neuen Führungsmethoden zu stärken. Denn wer auch immer der „neue Jermak“ wird, es wird weder dasselbe Modell der Zusammenarbeit mit dem Präsidenten sein, noch dasselbe Vertrauensniveau – zumindest für eine gewisse Zeit.


Tadeusz Iwański – Leiter des Teams für Belarus, Ukraine und Moldau am Zentrum für Oststudien. In den Jahren 2006–2011 arbeitete er beim Polnischen Radio für das Ausland.