Hätte Donald Trump in seinem Umfeld Menschen, die ihm ernsthaft widersprechen oder ihn zu rationalem Handeln anhalten könnten, wäre seine lange Rede in Davos wohl nie zustande gekommen. Denn sie bewies vor allem eines: Diskussionen mit ihm führen ins Leere. Trump verwechselt Wille mit Wirklichkeit, Lautstärke mit Argumenten und Macht mit Kompetenz.
Sein Weltbild ist erschreckend simpel. Internationale Beziehungen betrachtet er mit der Logik eines zweitklassigen Immobilienhändlers: Besitz, Preis, Deal. Staaten, Völker, Geschichte oder Recht spielen darin kaum eine Rolle. Hinter der permanent beschworenen amerikanischen Größe verbirgt sich ein schlecht kaschierter Minderwertigkeitskomplex – gefährlich, weil er nun mit realer Macht ausgestattet ist.
Macht schützt vor Widerspruch
Wäre Trump ein x-beliebiger Redner, hätte das Publikum in Davos reagiert: Gelächter, Buh-Rufe, offener Widerspruch. Doch Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten. Also applaudiert man höflich, schweigt betreten oder spricht – um im Bild von Andersen zu bleiben – weiter über die angeblich prächtigen Gewänder des Herrschers, statt auszusprechen, dass der König nackt ist.
Dabei zeigt jedes Detail seiner Rede diese Nacktheit. Etwa wenn Trump erneut den Verkauf Grönlands fordert, als handle es sich um ein unbebautes Grundstück. Er ignoriert, dass Grönland kein Handelsobjekt ist, dass seine Bevölkerung ein Recht auf Selbstbestimmung hat und dass Dänemark der Insel Autonomie gewährt und sie auf einen Weg Richtung Unabhängigkeit geführt hat. Nichts davon passt in Trumps Denken – also existiert es für ihn nicht.
NATO als Pfandhaus
Völlig absurd ist auch die Forderung, die NATO solle Grönland quasi als Gegenleistung für amerikanische Sicherheitsgarantien „überlassen“. Trump argumentiert offen wie ein Geschäftsmann, der eine Rechnung präsentiert und eine Ware verlangt. Wie die NATO – ein Verteidigungsbündnis – rechtlich oder politisch dazu in der Lage sein sollte, ein Gebiet zu verschenken, bleibt sein Geheimnis. Oder genauer: interessiert ihn schlicht nicht.
Intellektuelle Leere in der Ukraine-Frage
Besonders gefährlich wird Trumps Denkweise beim Blick auf den Krieg in der Ukraine. Seine Aussagen zeigen, dass er weder die geopolitische Tragweite dieses Krieges noch dessen Bedeutung für Europa versteht. Stattdessen schwankt er zwischen kaum verhohlener Bewunderung für den „starken Mann“ in Moskau und simplen Erzählungen über persönliche Feindschaften, die angeblich alles erklären sollen.
Für Europa ist das fatal. Wer den Krieg auf persönliche Antipathien reduziert, verkennt, dass es um Grenzen, Völkerrecht und die gesamte europäische Sicherheitsordnung geht. Trumps respektlose Kommentare – etwa gegenüber Frankreichs Präsidenten – sind Ausdruck einer Haltung, die Europa nicht mehr als Partner, sondern als lästige Kulisse betrachtet.
Schuld sind immer die anderen
Wenn Trump im eigenen Land keine Antworten hat – etwa auf explodierende Medikamentenpreise –, folgt ein bekanntes Muster: Schuldzuweisungen nach außen. Statt strukturelle Probleme des amerikanischen Systems zu benennen, droht er anderen Staaten und erklärt, sie müssten ebenfalls leiden. Politische Verantwortung wird ersetzt durch Rhetorik der Erpressung.
Wegschauen aus Mangel an Alternativen
Man könnte diese Liste der Absurditäten endlos fortsetzen. Wichtiger ist jedoch die Frage, warum so viele westliche Politiker Trumps Auftritte stillschweigend ertragen. Nicht, weil sie ihm glauben – sondern weil sie kaum Alternativen sehen. Europa hat sich über Jahre sicherheitspolitisch von den USA abhängig gemacht. Jetzt zahlt es den Preis und spielt mit, um Schlimmeres zu verhindern.
Doch diese Strategie hat Grenzen. Je länger Europa Trumps Narzissmus bedient, desto größer wird der Schaden. Eigene sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit aufzubauen, ist keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit.
Eine Welt nach Trump
Einige der Schäden, die Trump anrichtet, werden irreversibel sein. Das Vertrauen in die USA als stabilen Garanten internationaler Ordnung ist erschüttert – womöglich für Jahrzehnte. Und das wohl Beunruhigendste: Wenn Trump einmal an die Macht kommen konnte, kann es wieder geschehen.
Die Welt wird nicht mehr in den Zustand vor Trump zurückkehren. Der Ruf „Der König ist nackt“ beschreibt längst nicht mehr nur seinen Kommunikationsstil, sondern den Zustand der globalen Ordnung. Nutznießer dieses Zerfalls sind vor allem jene, die einen schwachen, zerstrittenen Westen bevorzugen: China und Russland.
Die entscheidende Frage ist daher nicht mehr, ob Trump nackt ist. Das ist offensichtlich. Die Frage ist, wie lange die Welt noch so tut, als trüge er prächtige Gewänder.
Autor: Tomasz Terlikowski
Quelle: wp.pl