„Ohne eine Veränderung des Kriegsformats kann Russland noch sehr lange weiterkämpfen“, warnte Felschtinski. Russland habe weiterhin „menschliche, finanzielle und militärische Ressourcen“, um die Ukraine zu zermürben. Der Krieg könne sich sogar über die aktuelle Amtszeit des US-Präsidenten Donald Trump hinaus hinziehen.
„Menschenleben sind in Russland nichts wert“
Der Historiker sprach von einem „permanenten Kriegsformat“, das sich aus der russischen Sicht als tragfähig erweise. „Man kann dieses Kriegsformat permanent nennen. Menschenleben sind in Russland nichts wert. Und sie kosten nichts“, sagte Felschtinski. Waffen würden weiter produziert, finanzielle Mechanismen funktionierten zumindest teilweise, und Moskau könne sich auf wichtige Partner stützen.
„Russland hat Verbündete. Der wichtigste in diesem Kreis ist natürlich China“, betonte er.
Ukraine kann nicht gleich reagieren
Felschtinski hob hervor, dass die Ukraine militärisch nicht über die gleichen Möglichkeiten verfüge wie Russland. Während der Kreml ukrainische Städte und Infrastruktur aus der Luft zerstöre, könne Kiew nicht in vergleichbarer Weise reagieren.
„Während Russland die Ukraine aus der Luft vernichtet, hat die Ukraine keine Möglichkeit, in gleicher Weise zu antworten“, sagte er. Das sei einer der Gründe, warum der Krieg in dieser Form für Moskau vergleichsweise wenig Druck erzeuge.
„In Moskau leidet niemand“
Besonders deutlich kritisierte Felschtinski die Situation in der russischen Hauptstadt. „In Moskau leidet niemand unter dem Krieg“, sagte er. Im Gegenteil wachse dort der Wohlstand bestimmter Eliten. „Die Zahl der Milliardäre steigt sogar“, erklärte der Historiker.
Russland sei faktisch „ein Staat einer einzigen Stadt – Moskau“. Während die Ukraine massive Zerstörungen und Opfer hinnehmen müsse, bleibe die Metropole vom Kriegsgeschehen weitgehend unberührt.
„Moskau spürt diesen Krieg überhaupt nicht. Für die Hauptstadt ist er vorteilhaft, sehr profitabel für das Geschäft“, sagte Felschtinski.
Rekordzahl russischer Milliardäre trotz Sanktionen
Tatsächlich stützt sich diese Einschätzung auf Zahlen des US-Wirtschaftsmagazins Forbes. Demnach gab es 2024 in Russland 146 Milliardäre – so viele wie nie zuvor. Trotz westlicher Sanktionen waren es 21 mehr als im Jahr zuvor. 90 dieser Superreichen leben in Moskau, was die Stadt nach New York zur zweitgrößten Milliardärsmetropole der Welt macht.
Auch das unabhängige Portal Moscow Times berichtete im Frühjahr 2025, das Gesamtvermögen dieser Milliardäre – rund 625,5 Milliarden Dollar – übersteige die Ersparnisse aller übrigen Einwohner Russlands zusammen.
Putin sieht keinen Grund für Friedensgespräche
Felschtinski folgert daraus, dass Präsident Wladimir Putin derzeit keinerlei Motivation für Friedensverhandlungen habe. „Putin muss nichts ändern“, sagte er. Solange Russland militärisch Druck ausüben könne, werde Moskau an seiner Strategie festhalten.
„Putin hat keinen Grund, sich an den Verhandlungstisch zu setzen“, erklärte der Historiker.
„Ukrainische Armee ist Garant für Europas Sicherheit“
Felschtinski warnte zugleich Europa davor, die Bedrohung durch Russland zu unterschätzen. Zwar sei Moskaus Armee durch den Krieg gebunden und aktuell zu schwach für einen direkten Angriff auf Europa. Dennoch werde Russland weiterhin durch Sabotageakte und hybride Maßnahmen Druck ausüben.
„Russland lässt Europa nicht ruhig leben. Der Druck wird wachsen“, sagte er. Den wichtigsten Faktor, der Putin derzeit tatsächlich aufhalte, sieht Felschtinski in der ukrainischen Armee.
„Der wichtigste Garant für die Sicherheit Europas ist heute die ukrainische Armee“, sagte er.
„Das Problem ist nicht nur Putin“
Der Historiker betonte zudem, dass die Ursachen des Krieges tiefer reichten als die Person Putin. Seit dessen Machtantritt im Jahr 2000 habe der russische Sicherheitsapparat die Kontrolle übernommen.
„An der Macht ist der FSB. Putin ist nur sein Vertreter“, erklärte Felschtinski. Es sei historisch eine neue Situation, dass ein Staat faktisch von einem Geheimdienstapparat regiert werde.
Pufferstaaten sollen Russland langfristig abschrecken
Nach Einschätzung des Historikers werde Russland langfristig nur durch einen „Puffer“ aus Flankenstaaten von weiterer Expansion abgehalten werden können – darunter die baltischen Staaten, Skandinavien, Polen und die Ukraine.
„Es geht darum, einen Puffer zu schaffen, der russische Aggression abschreckt“, sagte er. Veränderungen in Russland erwarte er nicht mehr in diesem Jahrhundert.
„Man wird auf ein neues 1991 warten müssen. Aber ich glaube nicht, dass das bald geschieht“, sagte Felschtinski.
polskieradio.pl/jc