RZECZPOSPOLITA: „Amerika trennt ein Ozean von Russland – uns nicht"
Die konservativ-liberale Rzeczpospolita zieht eine bittere Bilanz der Rede des US-Präsidenten zur Lage der Nation. Wichtiger als das, was Trump gesagt habe, sei vielmehr das, was er nicht gesagt habe – und genau darin liege die wichtige Botschaft für Polen und Europa, schreibt in seiner Analyse Artur Bartkiewicz.
Trump, so der Autor habe eine Stunde und 47 Minuten gesprochen - ein Rekord. Zum Krieg Russlands gegen die Ukraine – ausgerechnet am vierten Jahrestag des Überfalls – sei jedoch erschreckend wenig gekommen: Er habe eingeräumt, dies sei der neunte Krieg, den er beenden wolle. Er habe sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass monatlich 25.000 Soldaten fielen – ohne zwischen russischen und ukrainischen Opfern zu unterscheiden. Und er habe seinen Lieblingsspruch wiederholt, der Krieg wäre nie ausgebrochen, hätte er 2022 schon regiert. „Das war's", so Bartkiewicz.
Weitaus mehr Aufmerksamkeit habe Trump dem Iran gewidmet, gegen den er gewaltige Streitkräfte zusammenziehe und Kriegsbereitschaft signalisiere, sowie Venezuela, aus dem nach der US-Militärintervention Öl in die Vereinigten Staaten fließe.
Wie Bartkiewicz erinnert, habe Trump in der Vergangenheit bereits wiederholt betont, der Krieg Russlands gegen die Ukraine sei im Grunde Europas Problem, denn die USA trenne ein Ozean von Russland. Dies erkläre den Stellenwert des Krieges auf Trumps Prioritätenliste. Die USA spürten nicht den „eisigen Atem Moskaus im Nacken". Ein möglicher Untergang der Ukraine wäre für Washington zwar eine Niederlage, stelle aber keine existenzielle Bedrohung dar. Die Ambitionen des Kreml seien groß, die Möglichkeiten jedoch begrenzt – und reichten gewiss nicht bis in die Vereinigten Staaten.
Ganz anders verhalte es sich mit Polen. Für die Länder dieses Teils Europas sei das imperiale Russland eine „tödliche Bedrohung". Für Deutschland und Frankreich ein strategisches Risiko, denn je stärker sich Russland in Mittelosteuropa festsetze, desto mehr könne es mit diesen Staaten aus einer Position der Stärke verhandeln. Für ganz Europa sei die Eindämmung Russlands entscheidend für die Verteidigung der liberalen Ordnung, die dem aus Ruinen auferstandenen Kontinent einen nie dagewesenen Wohlstand beschert habe.
Der Krieg in der Ukraine sei für Europa eben nicht einer von vielen Kriegen, wie für den US-Präsidenten. „Für uns ist es ein Krieg, der über das Schicksal kommender Generationen von Polen und Europäern entscheiden kann", so Bartkiewicz. Die Moral: Amerika sei selbstverständlich ein strategischer Verbündeter, der Polens Sicherheit stärke. Doch es sei ein „sehr ungleiches Bündnis". Für Polen sei die Konfrontation mit der russischen Bedrohung eine Frage von Sein oder Nichtsein, für die USA nur eine von vielen globalen Herausforderungen. „Wenn wir verlieren, verlieren wir alles. Trump hingegen kann immer sagen: Hier hat es nicht geklappt, aber acht andere Kriege habe ich beendet." Deshalb müsse Polen beim Aufbau von Bündnissen auch jene Partner suchen, die kein Ozean von Russland trenne, so Artur Bartkiewicz in der Rzeczpospolita.
GAZETA WYBORCZA: „Wir fallen vom Rüstungsmarkt"
Die linksliberale Gazeta Wyborcza beleuchtet in ihrem heutigen Aufmacher die Handelsbilanz zwischen Polen und der Ukraine – und enthüllt dabei einen besorgniserregenden Einbruch im Rüstungssektor. Michał Olszewski berichtet, dass Polen 2025 erneut eine sehr hohe Überschussbilanz im Handel mit der Ukraine erzielt habe: Waren im Wert von über 56 Milliarden Złoty seien exportiert worden, der Überschuss betrage über 37 Milliarden Złoty. Die Ukraine bleibe auf Platz sieben der polnischen Exportmärkte, noch vor den USA, Spanien und der Slowakei.
In der Rüstungsbranche sehe es jedoch nicht so rosig aus. Noch 2024 habe Polen Waffen und Munition für fast 10 Milliarden Złoty in die Ukraine verkauft. 2025 sei es nur noch gut die Hälfte dieser Summe gewesen. Der Eigentümer einer der größten polnischen Vermittlungsfirmen im Waffenhandel bringe es auf den Punkt: „Wir fallen deutlich vom Markt."
Als Ursache nennt der Autor unter anderem die tschechische Munitionsinitiative: Seit 2024 koordiniere Prag Einkäufe für die Ukraine in verschiedenen Teilen der Welt, was den polnischen Markt getroffen habe. Zudem hätten die Ukrainer begonnen, verstärkt in Rumänien einzukaufen und eigene Produktionskapazitäten aufzubauen.
Der Ökonom Jakub Karnowski, Vorstandschef der Kredobank, einer ukrainischen Bank der PKO-BP-Gruppe, bestätigt zwar die positive Gesamtbilanz, weise aber auf zwei Probleme hin: Die erschöpfte Ukraine verarme und der Markt sei mit polnischen Waren gesättigt. Der polnische Gesamtexport wachse bereits deutlich langsamer als zu Beginn des Krieges. Was die Rüstungsindustrie betreffe, habe er mit Vertretern der ukrainischen Rüstungsindustrie gesprochen, und diese seien von einem Teil der polnischen Produktion „enttäuscht" gewesen. Seine Hoffnung setze er auf das EU-Programm SAFE, das den polnischen Rüstungssektor schnell stärken könne.
Der Sicherheitsanalytiker Dr. Michał Piekarski von der Universität Breslau verweist auf eine mögliche Langzeitchance: Wenn der Konflikt eingefroren werde, stehe ein Umbau der ukrainischen Armee bevor, die derzeit mit einem „Mosaik an Ausrüstung" kämpfe und manchmal zur Improvisation gezwungen sei. Wer mit Panzern und Schützenpanzern auf diesen Markt komme, könne sich dort bis zu drei Jahrzehnte halten. „Die Frage ist, ob es Polen gelingt, diesen Moment zu nutzen", so Piekarski in der Gazeta Wyborcza.
TYSOL.PL: „Russlands trojanisches Pferd – virale Narrative spalten Europa"
Das Portal Tysol.pl warnt vor der zunehmenden Bedrohung durch russische Desinformation. Soziale Medien, die einst als Werkzeug der Demokratisierung galten, würden sich zunehmend zur Waffe in den Händen autoritärer Regime entwickeln, schreibt Wojciech Rodak. Der Experte Dr. hab. Wojciech Kotowicz von der Universität Ermland-Masuren in Olsztyn spreche von einem „neuen Kalten Krieg, der sich nicht nur in der Luft, sondern auch in unseren Köpfen und im Netz" abspiele.
Im Unterschied zum klassischen Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts, der sich auf Wettrüsten und ideologische Rivalität konzentriert habe, tobe der heutige Konflikt zwischen Russland und dem Westen vor allem im Informations- und Wahrnehmungsraum. Russland habe – im Bewusstsein der militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit der NATO – ausgefeilte Strategien der hybriden Kriegsführung entwickelt, in denen Desinformation und Informationsmanipulation die zentralen Instrumente darstellten.
Besonders eindrücklich seien die Erfahrungen aus Moldau: Bei Forschungen vor Ort hätten die Wissenschaftler erfahren, wie russische Desinformation die politischen Ansichten ganzer Gemeinschaften innerhalb weniger Monate verändert habe. Ältere Menschen, die jahrelang die europäische Integration unterstützt hätten, hätten plötzlich geglaubt, die EU wolle ihre traditionellen Werte zerstören und ihnen ihr Land wegnehmen. Dies sei das Ergebnis systematischer, monatelanger Kampagnen in sozialen Medien, im russischsprachigen Fernsehen und über Influencer gewesen, die sich als unabhängige Kommentatoren ausgegeben hätten, in Wirklichkeit aber Teil eines aus Moskau finanzierten koordinierten Netzwerks gewesen seien.
Auch 2026 beobachte man eine neue Welle russischer Desinformation im Zusammenhang mit der europäischen Energiekrise: Koordinierte Kampagnen in sozialen Medien suggerierten, die Sanktionen gegen Russland schadeten Europa mehr als Russland und europäische Politiker führten absichtlich die Verarmung ihrer eigenen Gesellschaften herbei. Diese Narrative verbreiteten sich viral und erreichten Millionen von Nutzern, obwohl sie sich leicht mit Fakten widerlegen ließen.
Kotowicz warnt: Wenn man den Triumph der Desinformation in Moldau zulasse, werde Polen zum nächsten, direkten Ziel noch aggressiverer Informationskampagnen. „Russland muss die Länder Osteuropas nicht physisch erobern, wenn es deren Bürger dazu bringen kann, sich selbst vom Westen und von der Demokratie abzuwenden", zitiert den Experten Tysol.pl.
Autor: Adam de Nisau