In der Nacht vom 12. auf den 13. April 1940, als die sowjetische Geheimpolizei NKWD polnische Kriegsgefangene und Häftlinge in Katyń mordete, wurden ihre Familien Opfer der zweiten Massendeportation in die Tiefe der UdSSR. Laut den Dokumenten der NKWD wurden insgesamt etwa 61.000 polnische Bürger deportiert, hauptsächlich nach Kasachstan.
Die Abschiebung wird von Historikern als ein Schlag gegen die Eliten des polnischen Staates bezeichnet. Laut Schätzungen des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN) sind in insgesamt vier Massendeportationen 320-330 Tausend Polen von den Sowiets nach Sibirien verschleppt worden, darunter 18 Tausend Offiziere. Die meisten Offiziere wurden auf Stalins Befehl im Frühling 1940, unter anderem in Katyń, ermordet.
Zweck der sowjetischen Deportationen war, die Eliten und die ganze nationalbewusste polnische Bevölkerung zu vernichten. Die Deportationen sollten die soziale Struktur niederreißen und gleichzeitig das totalitäre Sowjetimperium mit Zwangsarbeitern versorgen. Die Zahl aller Opfer unter den polnischen Bürgern, die in den Jahren 1939 bis 1941 unter sowjetischer Besatzung standen, ist noch nicht vollständig bekannt, Schätzungen gehen jedoch von mehr als einer Million Menschen aus.
Einstimmiger Beschluss
Der Beschluss über den Massenmord ist einstimmig von den Mitgliedern des damaligen Politbüros - Stalin, Woroszylow, Molotow, Mikojan, Kalinin, Kaganowicz und Beria - unterzeichnet worden. Für Tausende von polnischen Familien bedeutete diese Entscheidung den Verlust ihrer Ehemänner, Väter und Brüder.
Grzegorz Hofman hat in Katyń und Charkow seinen Vater und seinen Onkel verloren. "Nach der letzten Briefkarte, die wir von meinem Vater im April erhalten haben, kam auf einmal nichts mehr. Wir lebten Monate in Furcht und Unsicherheit über das Schicksal meines Vaters. Die Entscheidung des Politbüros war damals ja ein Geheimnis."
Konfliktherd Katyń-Ermittlungen
Die Wahrheit über das Massaker ist anschließend noch über ein halbes Jahrhundert geheimgehalten worden. Die Verantwortlichen wurden nicht verurteilt, die russische Militärstaatsanwaltschaft hat die Ermittlungen eingestellt. Die russische Seite ist zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei dem Massaker nicht um einen Völkermord handelte. Diese Interpretation werden die Familien der Ermordeten nie akzeptieren, sagte vor einigen Jahren Anna Maria Wolińska, die infolge von Stalins Befehl ihren Vater und ihren Onkel verlor:
"Vergebung ist etwas anderes und Gedenken ist etwas anderes. Und ein Verbrechen als Verbrechen zu bezeichnen - das ist eine Notwendigkeit. Sonst kommen wir an einen Punkt, wo Werte überhaupt keine Rolle mehr spielen."
Von den 22.000 ermordeten Polen sind knapp 15.000 in Massengräbern beerdigt worden - in Katyń bei Smoleńsk, in Miednoje bei Twer und in Piatichatki bei Charkow. Der Bestattungsort von 7.000 Personen bleibt bis heute unbekannt.
pap/jc