Nach Einschätzung des Portals Politico verfügt Donald Trump über mehrere Hebel, um die Nato zu schwächen, ohne die USA offiziell aus dem Bündnis herauszuführen. Fachleute warnen demnach vor politischen, militärischen und institutionellen Schritten, die das Bündnis tief treffen könnten.
Im Mittelpunkt steht zunächst Trumps Tonlage gegenüber der Nato. Er habe in der Vergangenheit immer wieder Zweifel am Grundsatz der kollektiven Verteidigung erkennen lassen und jüngst erklärt, das Bündnis sei ein „Papiertiger“. Für Experten ist das mehr als bloße Provokation: Wenn ausgerechnet der Präsident der Vereinigten Staaten die Verlässlichkeit der Nato infrage stelle, leide ihre Abschreckungswirkung unmittelbar.
Die Sicherheitsexpertin Gerlinde Niehus sagte Politico, solche Äußerungen könnten Gegnern wie Wladimir Putin oder auch Xi Jinping als Einladung erscheinen, die Belastbarkeit des Bündnisses auszutesten. Schon rhetorische Attacken aus Washington könnten damit strategische Folgen haben.
Von Verzögerungstaktiken bis Truppenabzug
Hinzu kommt die Möglichkeit, interne Entscheidungen zu blockieren oder zu verzögern. Weil die Nato in zentralen Fragen Einstimmigkeit verlangt, könnten die USA Prozesse auf Arbeitsebene erheblich bremsen. Nach Angaben von Politico gibt es im Umfeld Trumps zudem Überlegungen, Alliierten mit zu niedrigen Verteidigungsausgaben weniger Mitsprache bei Einsätzen und bei der Anwendung von Artikel 5 einzuräumen.
Auch die amerikanische Militärpräsenz in Europa gilt als möglicher Druckpunkt. Zwar ist Trumps Handlungsspielraum durch ein Gesetz aus dem Jahr 2025 eingeschränkt, das eine Mindestpräsenz von 76.000 Soldaten vorsieht. Dennoch bleibt die Stationierung von US-Kräften ein zentrales Machtmittel innerhalb des Bündnisses.
Der RUSI-Analyst Ed Arnold hält einen größeren Abzug allerdings nicht für die naheliegendste Option. Aus seiner Sicht braucht Washington die in Europa stationierten Kräfte auch für eigene globale Einsatzplanungen. Eine Schwächung der europäischen Präsenz könnte daher am Ende auch den Interessen der USA schaden.
Rückzug aus NATO-Planungszyklus und Kommandostruktur
Weitreichende Folgen hätte es dagegen, wenn Washington sich aus dem vierjährigen Nato-Planungszyklus zurückziehen würde. Dieser bestimmt, welche Fähigkeiten und Truppen die Mitgliedstaaten für den Bündnisfall bereithalten müssen. Europäische Staaten müssten dann in kurzer Zeit zusätzliche Lasten übernehmen, etwa bei Luftverteidigung, Aufklärung und Luftbetankung.
Politico verweist außerdem auf die Möglichkeit, Nato-Sitzungen zu boykottieren oder die amerikanische Delegation zurückzuziehen. Da Entscheidungen nur einstimmig getroffen werden, könnte die Allianz so in ihrer Arbeit massiv gelähmt werden. Ein besonders drastisches Szenario wäre der Austritt der USA aus der integrierten Kommandostruktur – ein Schritt, der nach Einschätzung von Experten das Bündnis in seiner heutigen Form kaum überstehen würde.
Ein offizieller Nato-Austritt der USA bleibt dennoch die schwierigste Option. Dafür wäre innenpolitisch hoher Widerstand zu erwarten, im Senat ebenso wie vor Gericht. Gerade deshalb, so die Warnung des Berichts, liegt die größere Gefahr womöglich in Schritten unterhalb der Schwelle eines formellen Austritts.
PAP/adn