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Kommentar: Putin verteilt fremdes Land

29.07.2026 08:53
Wladimir Putin hat erneut den historischen Atlas aufgeschlagen und entschieden, dass er fremde Territorien nach Belieben verteilen kann. Nach Ansicht des russischen Präsidenten werde die Ukraine „früher oder später“ ihre westlichen Gebiete verlieren – an Polen, Ungarn und Rumänien. Russland hingegen – ausgerechnet jenes Land, das die Ukraine überfallen, ihre Gebiete besetzt und deren Annexion verkündet hat – soll angeblich der einzige Garant für die territoriale Integrität der Ukraine sein. Zynischer und unverfrorener lässt sich die Wirklichkeit kaum auf den Kopf stellen, schreibt der Publizist Sławomir Sieradzki.
Wladimir Putin
Wladimir PutinSputnik/Sergey Bobylev/Pool via REUTERS

Für viele Menschen im Westen mag die Geschichte dieser Region Europas kompliziert erscheinen. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten Lemberg, Ostgalizien und Teile Wolhyniens zu Polen. Die Nordbukowina war Teil Rumäniens, Transkarpatien gehörte nacheinander zur Tschechoslowakei und zu Ungarn. Die Grenzen verschoben sich in dieser Region immer wieder – jedoch selten, weil die Bevölkerung frei darüber entschied, sondern weil sie von siegreichen Imperien mit Gewalt neu gezogen wurden.

Genau an diese Tradition knüpft Putin heute an. Nicht an das Selbstbestimmungsrecht der Völker, sondern an das Recht des Stärkeren. Nicht an das heutige Völkerrecht, sondern an Landkarten, die nach Kriegen, Teilungen und Besatzungen entstanden. Er benutzt historische Tatsachen wie Sprengstoff: Er schneidet einzelne Fragmente heraus, entfernt ihren Zusammenhang und legt sie unter die Beziehungen der Ukraine zu ihren Nachbarn.

Die Botschaft ist einfach. Die Ukrainer sollen glauben, Polen unterstütze sie nicht wegen der gemeinsamen Bedrohung durch Russland, sondern weil Warschau nur auf die Gelegenheit warte, Lemberg zurückzuholen. Ungarn habe Transkarpatien im Blick, Rumänien die Bukowina. Gleichzeitig sollen die Bürger dieser Länder hören: Wenn diese Gebiete einst zu euch gehörten – warum unterstützt ihr die Ukraine, anstatt ihre Rückgabe zu verlangen?

Der Kreml nutzt seit Jahren die Frage historischer Grenzen, um neue Konflikte zu schüren. In der russischen Propaganda ist eine Landkarte niemals nur eine Landkarte. Sie ist Anklageschrift, Beuteversprechen oder die Behauptung, ein bestehender Staat habe kein Existenzrecht. Putin spricht nicht über die Westukraine, weil ihn das Schicksal von Polen, Ungarn oder Rumänen interessiert. Ihn interessiert der Zerfall der Koalition, die Kiew unterstützt.

Moskau will auf beiden Seiten der Grenzen Misstrauen säen. In der Ukraine soll der Eindruck entstehen, die Nachbarn seien heimliche Gebietsräuber. In Polen, Rumänien und Ungarn soll die Vorstellung wachsen, der Krieg könne eines Tages die Gelegenheit bieten, Grenzen neu zu ziehen. Im Westen soll das Bild einer künstlichen, innerlich zerrissenen und zum Zerfall verurteilten Ukraine entstehen. Und in den postsowjetischen Staaten soll sich die Überzeugung festsetzen, Russland habe ein besonderes Recht zu entscheiden, welche Nationen einen eigenen Staat besitzen dürfen und welche sich mit der Rolle einer Provinz abfinden müssen.

Gerade dieser letzte Teil der Botschaft ist von besonderer Bedeutung. Putin spricht nicht nur zu den Ukrainern. Er richtet sich ebenso an Georgier, Moldauer, Kasachen, Belarussen und andere Gesellschaften des ehemaligen Sowjetimperiums. Er erinnert sie daran, dass aus Sicht des Kremls die Grenzen ihrer Staaten jederzeit zu einem „historischen Irrtum“ erklärt werden können. Der heutige Verbündete kann morgen hören, sein Staat sei nur zufällig entstanden, habe sein Territorium geschenkt bekommen oder besitze kein uneingeschränktes Recht auf Eigenstaatlichkeit.

So funktioniert Imperialismus: Zuerst wird die Geschichte des Nachbarn infrage gestellt, dann seine Identität, anschließend seine Grenzen und schließlich sein Recht zu existieren.

Putins Erzählung über die Westukraine soll zudem einen entscheidenden Umstand verschleiern: Das einzige Land, das der Ukraine heute tatsächlich Territorium entreißt, ist Russland. Nicht polnische Soldaten haben ukrainische Städte besetzt. Nicht Rumänien hat die Krim annektiert. Nicht Ungarn hat Mariupol zerstört. Der russische Präsident spricht von einer hypothetischen Teilung der Ukraine durch andere, um die Teilung zu verdecken, die er selbst betreibt.

Darin steckt zugleich ein Angebot an die zynischsten Politiker der Region: Hört auf, die Ukraine zu unterstützen – und vielleicht bekommt ihr einen Teil der Beute. Der Kreml setzt darauf, dass historische Kränkungen, nationalistisches Ressentiment und politischer Opportunismus stärker sein könnten als Vernunft. Er muss nicht die Mehrheit überzeugen. Es genügt, genügend Menschen zu finden, die seine Andeutungen wiederholen, Konflikte anheizen und der Ukraine Undankbarkeit vorwerfen.

Das Ziel reicht weit über Propaganda hinaus. Putin will die Sprache der Debatte verändern. Statt zu fragen, wann Russland seine Besatzung beendet, soll die Welt darüber diskutieren, ob die Ukraine überhaupt überlebt und wer ihr Territorium übernehmen könnte. Statt über Angreifer und Opfer zu sprechen, soll es plötzlich um „historische Streitfragen“, eine „komplizierte Vergangenheit“ oder „natürliche Einflusssphären“ gehen. Es ist ein altes Muster: Das Verbrechen soll in endlosen Debatten verschwimmen, die Verantwortung des Aggressors in einer scheinbaren Symmetrie untergehen.

Putin ist kein neutraler Kommentator der Geschichte Mittel- und Osteuropas. Er ist Präsident eines Staates, der einen Angriffskrieg führt, und ehemaliger KGB-Offizier, der Informationen als Instrument des Drucks, der Destabilisierung und der Einschüchterung versteht. Wenn er über fremde Grenzen spricht, beschreibt er nicht die Realität. Er testet ihre Schwachstellen.

Sein Kalkül ist klar: Angst in der Ukraine schüren, Gier bei den Nachbarn wecken, Kriegsmüdigkeit im Westen fördern und Gehorsam in der postsowjetischen Welt erzwingen. Er will die Menschen davon überzeugen, dass Grenzen nicht vom Recht, sondern von den Entscheidungen des Kremls abhängen.

Deshalb ist nicht entscheidend, ob Putin selbst glaubt, Polen, Ungarn und Rumänien würden die Ukraine unter sich aufteilen. Entscheidend ist, dass andere daran glauben. Die Karte, die Putin präsentiert, ist keine historische Karte. Sie ist die Skizze künftiger Konflikte, die Russland mit fremden Händen entfachen möchte.

Sławomir Sieradzki