Geboren wurde Kowarsz 1937 in der Górczewska-Straße in Wola. An den Beginn des Warschauer Aufstand am 1. August 1944 kann er sich noch sehr gut erinnern. Seine Tante sei am frühen Morgen ins Haus gestürzt und habe gerufen: „Heute geht es los.“ Wenig später hätten bereits die ersten Kugeln gepfiffen. „Die Menschen waren voller Begeisterung. Die Nachbarn legten ihre Armbinden an und liefen zu den Barrikaden. Jeder brachte mit, was er hatte“, erinnert sich Kowarz.
Nur wenige Tage später verwandelte sich diese Euphorie in blanken Terror. Am 5. August begann die systematische Ermordung der Zivilbevölkerung in Wola durch deutsche Einheiten und ihre Hilfstruppen. Die Familie flüchtete zunächst in den Keller ihres Wohnhauses. „Plötzlich hieß es, die Deutschen seien im Hof und würden das Haus anzünden. Als wir hinausgingen, lagen bereits überall Tote“, berichtet Kowarsz.
Die Bewohner wurden auf die Działdowska-Straße getrieben. „Es sah so aus, als würden wir jeden Augenblick erschossen werden. Warum das nicht geschah, weiß ich bis heute nicht“, sagt er. Anschließend führte man die Kolonne durch ein Krankenhaus. Dort wurde der Junge Zeuge eines Verbrechens, dessen Bedeutung er erst Jahre später verstand. „Eine Frau im weißen Kittel stand auf der Treppe. Die Soldaten tranken Wodka und vergewaltigten sie nacheinander. Damals verstand ich nicht, was ich sah.“
Besonders eingeprägt hat sich ihm auch die Ermordung einer älteren Verwandten. Ein Angehöriger der russischsprachigen Hilfstruppen habe die gehbehinderte Frau zunächst aufgefordert, sich auszuruhen. „Er sagte: ‚Großmutter, setz dich hin.‘ Dann zog er seine Pistole und erschoss sie vor den Augen ihrer Töchter und Enkelkinder.“ Niemand habe zu reagieren gewagt. „Jeder wusste, dass sofort der Nächste erschossen worden wäre.“
Die Überlebenden wurden anschließend in eine große Holzhalle im Bereich Moczydło getrieben. Dort verbreitete sich das Gerücht, die Halle solle mit Benzin übergossen und angezündet werden. Besonders eindringlich erinnert sich Kowarsz an die Reaktion seiner Mutter. Sie habe ihn leichter anziehen wollen, „damit mich eine Kugel sofort töten würde und ich nicht schwer verwundet liegen bliebe“. Heute könne er sich kaum vorstellen, welche Entscheidungen Mütter damals treffen mussten. „Ich bedaure bis heute, dass ich später nie mit ihr darüber sprechen konnte.“
Wenig später befahlen die Bewacher allen Männern, die Halle zu verlassen. Kowarszs Großvater wollte den Jungen mitnehmen. Doch seine Mutter widersetzte sich. „Sie sagte nur: ‚Nein. Jędruś geht nicht.‘“ Die Männer wurden auf die andere Straßenseite geführt und erschossen. „Auch diejenigen, die ihre Kinder mitgenommen hatten, wurden zusammen mit den Kindern ermordet“, berichtet Kowarsz. „Dass ich heute lebe, verdanke ich einzig der Intuition meiner Mutter.“
Die Nacht verbrachten Hunderte Menschen in der Halle. „Ich erinnere mich vor allem an die Frauen, die ununterbrochen beteten“, erzählt der Zeitzeuge. Am nächsten Morgen wurden die Überlebenden von Angehörigen der deutschen Feldgendarmerie in Richtung Jelonki geführt. Im Unterschied zu den vorherigen Bewachern hätten sich diese deutlich anders verhalten. Bewohner der umliegenden Häuser warfen den Erschöpften Tomaten zu, ein Feldgendarm erlaubte Kindern sogar, Gemüse von einem Feld zu holen, und ließ eine Frau zurück, die während des Marsches Wehen bekam.
Doch auch diese Kolonne schien einem ungewissen Schicksal entgegenzugehen. Als sich das Gerücht verbreitete, alle sollten zum Fort Wola gebracht und dort erschossen werden, fasste Kowarszs Mutter einen Entschluss. „Sobald sich eine Gelegenheit bietet, fliehe ich mit Jędrek“, habe sie gesagt. Tatsächlich gelang den beiden als Einzigen die Flucht aus der Kolonne. „Die Soldaten schossen hinter uns her“, erinnert sich Kowarsz. Zwei Frauen versteckten Mutter und Sohn in ihrem Haus und gaben sich gegenüber den Soldaten ahnungslos. Erst später stellte sich heraus, dass Frauen mit Kindern und ältere Menschen am Abend tatsächlich freigelassen wurden, während jüngere Menschen in das Durchgangslager Pruszków deportiert wurden.
Gemeinsam mit Verwandten gelang der Familie schließlich die Flucht aus Warschau. An einem deutschen Sperrposten sammelten die Flüchtlinge Schmuck und Eheringe, um die Wachen zu bestechen. „Sie sagten, sie würden uns gegen Gold passieren lassen.“ Anschließend erreichten sie Gołąbki und sprangen bei verlangsamter Fahrt in Niepokalanów aus einem Zug. „Dort waren wir zum ersten Mal seit Tagen in Sicherheit.“
IAR/jc