Ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist die Erinnerung für viele Menschen polnischer Herkunft in New York noch immer Teil des Alltags. Sie berichten von der Flucht aus den Türmen, von der Arbeit im Staub am Ground Zero, von Fotos einer verschwundenen Skyline – und von der politischen Lehre, dass Bündnisse gepflegt werden müssen, bevor sie gebraucht werden.
Leokadia Głogowski arbeitete damals im 82. Stock des Nordturms des World Trade Centers. Das Flugzeug schlug nur wenige Etagen über ihrem Büro ein. Sie entkam über die Treppen, geriet später in die Staubwolke des einstürzenden Gebäudes und lief rund 15 Kilometer nach Hause. „Die körperlichen Wunden sind längst verheilt, aber die Psyche wurde ohne Zweifel verletzt“, sagt sie. Auf plötzlichen Lärm, Erschütterungen und den Geruch chemischer Verbrennung reagiert sie bis heute empfindlich.
Jedes Jahr trifft sich Głogowski mit früheren Kollegen. Jeder bringt eine weiße Rose mit; heute legen sie die Blumen an der Gedenkstätte bei den Namen der Opfer nieder. Für sie ist die Weitergabe der Erinnerung eine Aufgabe: „Solange wir, die ersten Zeugen, leben, ist es unsere Pflicht, Zeugnis abzulegen.“
"Man hat vieles ausblenden müssen"
Schon wenige Tage nach den Anschlägen halfen auch Polen und Amerikaner polnischer Herkunft bei den Arbeiten am Ground Zero. Kazimierz Madaliński meldete sich zwei Tage nach dem 11. September zum Aufräumen und Räumen der Trümmer. Er erinnert sich an Menschen, die den Helfern applaudierten, und an Kinder, die ihnen Süßigkeiten gaben. Doch die freundlichen Gesten konnten die Bilder der Zerstörung nicht verdrängen. „Es sind so viele Menschen gestorben, das alles habe ich mit eigenen Augen gesehen. Bis heute habe ich schlimme Erinnerungen“, sagt er.
Der Ingenieur Jan Szumański kam bereits am ersten Tag nach den Anschlägen auf das zerstörte Gelände. Als leitender Ingenieur einer Baufirma war er an den Aufräumarbeiten und später am Wiederaufbau der unter den Trümmern verlaufenden U-Bahn-Linien beteiligt. Die ersten Stunden beschreibt er als chaotisch, später wurden die Arbeiten koordiniert. Um dort bleiben zu können, habe man vieles ausblenden müssen. „Dort, bei der Arbeit, habe ich mich nicht mit allem beschäftigt, was ich sah. Denn wenn ich mich damit beschäftigt hätte, hätte ich dort nicht bleiben können“, sagt Szumański. In Momenten der Ruhe seien die Erinnerungen jedoch mit voller Wucht zurückgekehrt.
Bilder, die zu historischen Zeugnissen wurden
Ein anderes Gedächtnis des World Trade Centers bewahrt Stanisław Nazalewicz. Der aus Polen stammende Ingenieur und Fotograf sah die Türme schon während ihrer Bauphase und fotografierte sie über Jahrzehnte hinweg tausendfach. Von seiner Wohnung auf der anderen Seite des Hudson aus beobachtete er, wie Licht, Wetter und Jahreszeiten die Silhouette veränderten. „Sie wurden zu etwas Ähnlichem wie hundert Jahre zuvor die Freiheitsstatue – zu einem Erkennungszeichen und Symbol New Yorks“, sagt er. Nach dem 11. September seien seine Bilder zu historischen Zeugnissen geworden.
Auch der in New York lebende polnische Regisseur Sylwester Łukasiewicz greift die Erinnerung zum 25. Jahrestag auf. Sein Kurzfilm „Back to One – Rückkehr zur Zone Zero“ erzählt von Stephen Lindsey, einem früheren Manager des Restaurants Windows on the World hoch oben in einem der Türme. Lindsey hatte am Tag der Anschläge frei und kehrt im Film erstmals nach 24 Jahren auf das wiederaufgebaute WTC-Gelände zurück. Łukasiewicz nennt den Film eine „intime Rückkehr – zu einem Ort, zu einer Erinnerung und zu den Menschen, deren Leben durch die Anschläge in New York für immer verändert wurde“.
Veränderte Lebenswege, veränderte Politik
Die Anschläge veränderten nicht nur einzelne Lebenswege, sondern auch die internationale Politik. Der frühere US-Botschafter in Polen, Daniel Fried, arbeitete am 11. September 2001 im Nationalen Sicherheitsrat im Weißen Haus. Er erinnert sich an konzentrierte Arbeit ohne Panik – und an die schnelle Reaktion der Nato, die nach den Anschlägen erstmals Artikel 5 über den gegenseitigen Beistand aktivierte. „Das zeigte, dass man nie weiß, wann man Freunde brauchen wird“, sagt Fried. Bündnisse seien ein Kapital, das gepflegt werden müsse.
Am 11. September 2001 entführten 19 Mitglieder von Al-Kaida vier Passagierflugzeuge. Zwei Maschinen schlugen in die Türme des World Trade Centers in New York ein, eine in das Pentagon bei Washington. Eine vierte stürzte in Pennsylvania ab, nachdem Passagiere versucht hatten, die Kontrolle zurückzugewinnen. Bei den Anschlägen wurden 2.977 Menschen getötet; hinzu kamen die 19 Attentäter. Tausende Menschen wurden verletzt.
IAR/PAP/adn