Alzheimer wird in Polen zu einer wachsenden gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Herausforderung. Nach Daten des Nationalen Gesundheitsfonds lebten 2024 rund 382.600 Menschen mit der Erkrankung. Bis 2050 könnte ihre Zahl auf etwa eine Million steigen. Fachleute sehen die größte Lücke nicht allein in der medizinischen Versorgung, sondern vor allem bei der Unterstützung von Familien, die die Pflege überwiegend zu Hause tragen.
Der erste Konflikt beginnt oft schon vor der Diagnose. Angehörige bemerkten wiederholte Fragen, vergessene Mahlzeiten oder Orientierungsschwierigkeiten, sagt Zbigniew Tomczak, Vorsitzender des Polnischen Vereins zur Hilfe für Menschen mit Alzheimer, im Gespräch mit der PAP. Betroffene lehnten eine Untersuchung jedoch häufig ab. Gedächtnisstörungen seien auch im höheren Alter nicht einfach als normale Alterserscheinung abzutun. Hausärzte sollten eine erste Abklärung vornehmen und bei Bedarf an neurologische oder spezialisierte Gedächtnisambulanzen überweisen.
Nach der Diagnose, so der Experte, stoßen Familien auf strukturelle Hindernisse. Die reale staatliche Unterstützung für Pflegende sei in Polen gering. Leistungen setzten oft einen sehr hohen Unterstützungsbedarf voraus. Bei stationärer Pflege fehlten Plätze und qualifiziertes Personal, während private Einrichtungen für viele Familien zu teuer seien. Tagespflegeangebote verlangten teils körperliche Selbstständigkeit und würden Menschen mit aggressivem Verhalten ausschließen. Gerade solche Verhaltensänderungen könnten aber in frühen und mittleren Phasen der Erkrankung auftreten.
Damit bleibt die Betreuung vielfach bei Angehörigen, deren Belastung ebenfalls gesundheitliche Folgen haben kann. Die Neurologin Joanna Siuda betonte, eine ruhige Ansprache, Berührung und ein vertrautes Umfeld könnten Ängste mindern. Hektik und ein erhobener Ton verstärkten dagegen Verunsicherung und Konflikte. Praktisch hilfreich seien ein sicher gestaltetes Zuhause ohne lose Teppiche und hohe Schwellen, ein rutschfester Duschbereich sowie eine reizärmere Umgebung. Rechtliche Vorkehrungen sollten nach Tomczaks Einschätzung frühzeitig geprüft werden; die gegenwärtigen Verfahren zur rechtlichen Vertretung Erkrankter seien langwierig.
Ein zweiter Ansatz liegt in Prävention und früher Erkennung. Siuda nennt Gefäßkrankheiten, Diabetes, Adipositas, Hör- und Sehstörungen sowie soziale Isolation als wichtige Risikofaktoren. Auch Luftverschmutzung könne das Risiko neurodegenerativer Erkrankungen erhöhen. Die Behandlung beeinflussbarer Faktoren solle bereits im mittleren Lebensalter beginnen, nicht erst nach dem Eintritt ins Rentenalter.
Warnzeichen sind insbesondere zunehmende Schwierigkeiten bei bislang vertrauten komplexeren Tätigkeiten, etwa beim Onlinebanking. Moderne Bluttests auf Tau-Biomarker können die Diagnostik in Polen ergänzen. Für eine gesicherte Einordnung braucht es laut Siuda jedoch das Zusammenspiel klinischer Symptome, Biomarker, weiterer Untersuchungen und den Ausschluss anderer Ursachen. Antiamyloid-Medikamente wie Lecanemab und Donanemab sind in Polen zugelassen und kommerziell verfügbar; den größten Nutzen zeigten sie in frühen Stadien.
Die polnische Regierung verabschiedete Ende 2025 ein nationales Programm für Demenzerkrankungen bis 2030. Es soll Betroffene und Pflegende besser unterstützen und Prävention stärken. Für Familien wird entscheidend sein, ob daraus zugängliche Angebote im Alltag entstehen – bevor die häusliche Pflege zur Überforderung wird.
PAP/adn