Putin versuche zudem, auf Grundlage der imperialen Vergangenheit eine neue russische Identität zu schaffen. Russland habe bis heute nicht entschieden, welchen Weg es künftig einschlagen wolle. „Die größte Herausforderung für Russland ist die Selbstdefinition“, sagte Sadłowski, Gründer des Zentrums für Forschungen zur russischen Staatlichkeit.
Das gegenwärtige politische System bezeichnete er als eine modernisierte Form des Zarismus. „Putin verfestigt ein altes Machtmodell – eine zentralisierte Herrschaft in den Händen eines Einzelnen, die sich auf eine Art von oben verliehene, quasi göttliche Legitimation stützt.“ Die Bevölkerung habe in diesem System kaum etwas zu sagen.
Krieg gegen die Ukraine auch ein Identitätskonflikt
Der Krieg gegen die Ukraine sei nicht nur ein imperialistischer Konflikt, sondern auch ein Kampf um die russische Identität. „Es ist ein bewaffneter Versuch der Russen, sich selbst zu definieren“, sagte der Historiker.
Putin versuche, die russische Identität zur Grundlage der Staatlichkeit zu machen und die ukrainische und belarussische Identität zu untergeordneten regionalen Ausprägungen zu erklären. „Eine gemeinsame Geschichte bedeutet jedoch keine Einheit“, betonte Sadłowski.
Während Russland noch immer nach seinem Selbstverständnis suche, entwickelten die ehemaligen Sowjetrepubliken zunehmend eigene nationale Identitäten und staatliche Strukturen. Dies gelte unter anderem für Georgien, Armenien, Aserbaidschan und die Staaten Zentralasiens. Besonders deutlich sei diese Entwicklung in der Ukraine.
Als größte Gefahr für Russland sieht Sadłowski nicht China, sondern die fehlende Selbstbegrenzung Putins und eines Teils der Kreml-Eliten. Der russische Präsident profitiere von der Rivalität zwischen den USA und China sowie von den Spannungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.
„Putin handelt zu seinem eigenen Vorteil und nicht zum Vorteil Russlands“, sagte der Experte. China wiederum habe ein Interesse am Fortbestand des gegenwärtigen politischen Systems in Moskau, da Peking eine demokratisierte und stärker westlich orientierte Regierung an seiner Grenze vermeiden wolle.
PAP/jc