EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die sich derzeit in Neu-Delhi aufhält, sprach von der „Mutter aller Abkommen“. Die Verhandlungen dauerten rund 20 Jahre und könnten künftig fast zwei Milliarden Menschen wirtschaftlich verbinden.
Von der Leyen sieht in den Beziehungen zwischen Europa und Indien großes Potenzial. Die Partnerschaft könne in den kommenden Jahren zu „einer der wichtigsten Partnerschaften dieses Jahrhunderts“ werden, sagte sie.
Neben dem Handel soll beim Gipfel auch eine Partnerschaft in den Bereichen Sicherheit und Verteidigung vereinbart werden. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte in sozialen Medien, dies werde „konkrete Ergebnisse“ unter anderem bei maritimer Sicherheit, Cybersicherheit und Terrorismusbekämpfung bringen.
Experten weisen jedoch darauf hin, dass geopolitische Unterschiede die Zusammenarbeit erschweren könnten. „Es eröffnet sich ein politisches Feld für Zusammenarbeit, um Neu-Delhi von Peking wegzuziehen – insbesondere im Kontext der Cybersicherheit“, sagte der Indien-Experte Krzysztof Iwanek. Zugleich betonte er: „Anders ist es mit Russland: Für die EU ist es eine direkte Bedrohung, für Indien hingegen ein Partner.“
Zölle und Autos im Mittelpunkt
Kern des Abkommens ist die Öffnung des indischen Marktes für europäische Industriegüter durch den Abbau hoher Importzölle. Besonders die Autoindustrie dürfte profitieren: Für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor müssen europäische Hersteller bislang Zölle von bis zu 110 Prozent zahlen.
Im Unterschied zum jüngsten Handelsabkommen mit dem südamerikanischen Mercosur-Block soll der Agrarsektor aus dem Indien-Abkommen weitgehend ausgenommen bleiben. Der polnische Vize-Außenminister Ignacy Niemczycki sagte dazu am Montag in Brüssel: „Landwirtschaftliche Fragen sind praktisch vollständig ausgeschlossen. Daher gibt es hier keinen Grund zur Sorge.“
Polen fordert Schutz vor indischem Stahl
Bedenken gibt es hingegen im Industriesektor. Indien ist einer der weltweit größten Stahlproduzenten. „Indischer Stahl bedeutet gigantische Konkurrenz, daher ist dies einer der größten Streitpunkte“, erklärte Iwanek. Besonders um den EU-Klimamechanismus CBAM, der Importe mit hohen CO₂-Emissionen belastet, werde gerungen.
Eine politische Einigung bedeutet noch nicht den endgültigen Abschluss des Vertrags. Das Abkommen muss anschließend von den EU-Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament ratifiziert werden – ein Prozess, der bereits beim Mercosur-Abkommen mehr als ein Jahr dauerte.
PAP/jc