Die Freigabe von mehr als drei Millionen Seiten an Unterlagen zu Epstein, der 2019 in Untersuchungshaft starb, hat weltweit Empörung ausgelöst und in mehreren Ländern politische Debatten angestoßen. In Polen reagierte die Regierung ebenfalls: Ministerpräsident Donald Tusk setzte ein Sonderteam ein, das mögliche polnische Bezüge in den Akten prüfen soll. Nach bisherigem Stand enthalten die Dokumente jedoch keine Hinweise auf Verbindungen Epsteins zu polnischen Politikern.
Besondere Aufmerksamkeit erregt eine E-Mail aus dem Jahr 2009. Darin beschreibt Daniel Siad, den ein Anwalt der Opfer als „Scout für Mädchen und/oder Frauen für Epstein“ bezeichnete, seine Reisen auf der Suche nach Frauen in kleinen Ortschaften in Polen sowie in anderen Ländern Mittel- und Osteuropas – darunter die Slowakei, Tschechien und Ungarn. Siad bat Epstein um die Überweisung von mindestens 4.000 Euro und erklärte, er müsse Eltern der Frauen zu Mittagessen oder Kaffee einladen. Zudem schrieb er, es gebe „Mädchen, die bereits in Polen auf ihn warten“, und dass er sich zu diesem Zeitpunkt in Krakau aufhalte.
Aus den Akten geht hervor, dass der in Frankreich lebende schwedische Staatsbürger berberischer Herkunft über Jahre hinweg weltweit Frauen für Epstein suchte und diesem Fotos zusandte. In einer Korrespondenz berichtet Siad etwa von einem Treffen mit einem polnischen Model in Dubai, dessen Bild Epsteins Zustimmung gefunden habe. Der genaue Zweck dieser Aktivitäten wird in den E-Mails nicht offen benannt; teilweise bezeichnete Siad die Frauen als „Hostessen“.
Die Unterlagen legen zudem nahe, dass Siad auch für Jean-Luc Brunel, den Eigentümer einer Modelagentur, tätig war. Brunel hatte seine Agentur mit Unterstützung Epsteins aufgebaut und soll ebenfalls Frauen für ihn angeworben haben. Er beging 2022 Suizid, kurz vor Beginn eines Prozesses wegen Vergewaltigung Minderjähriger.
Mehrfach tauchen in Epsteins Korrespondenz Frauen aus Polen auf. Besonders intensiv soll der Kontakt zu einem polnischen Model gewesen sein, dem Epstein wiederholt Ratschläge zur beruflichen Entwicklung gab und mit dem er auch politische Themen diskutierte. In einem Austausch empfahl die Frau ihm, sich mit dem prokremlischen Ideologen Alexander Dugin zu befassen; in einem anderen kritisierte Epstein von ihr verbreitete Verschwörungstheorien zur Smolensk-Katastrophe. Epstein bezeichnete die Frau sowohl als Mitarbeiterin als auch als Freundin.
Weitere Kontakte zu Polinnen erscheinen weniger eng. In einzelnen E-Mails erkundigten sich Frauen aus Warschau nach beruflichen Möglichkeiten in New York oder informierten Epstein über Aufenthalte in Paris und den USA. In manchen Fällen finden sich Hinweise auf von Epstein bezahlte Flugtickets.
Zwei Polen arbeiteten über Jahre hinweg direkt in Epsteins Umfeld. Bekannt ist die polnische Modellfrau Adriana Mucińska Ross, die mehrfach mit Epsteins Privatflugzeug reiste, unter anderem gemeinsam mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. In einem Verfahren von 2008 wurde sie als mögliche Mitbeteiligte genannt, jedoch nie angeklagt. Ein weiterer Pole, Janusz Banasiak, verwaltete über zwei Jahrzehnte Epsteins Anwesen in Palm Beach und sagte aus, er habe vor einer Polizeirazzia gesehen, wie Mucińska Ross Computer und Dokumente aus dem Haus trug.
Die einzige namentlich belegte Verbindung Epsteins zu einer bekannten Persönlichkeit aus Polen betrifft den früheren Tennisprofi Fibak. In einer E-Mail aus dem Jahr 2013 gratulierte Epstein ihm und fragte nach einem möglichen Treffen in Paris. Ein Kalendereintrag verweist auf ein Treffen am 5. Oktober desselben Jahres mit dem Zusatz „fine art investments“. Fibak erklärte gegenüber der polnischen Nachrichtenagentur PAP, Epstein habe in seinem Leben nur eine marginale Rolle gespielt. Man sei Nachbarn in New York gewesen und sich gelegentlich zufällig begegnet. Er vermute, Epstein habe sich lediglich für Kunstgalerien in Paris interessiert.
Insgesamt zeigen die Akten zahlreiche polnische Einzelbezüge, liefern bislang jedoch keine Hinweise auf systematische Kontakte Epsteins zu polnischen Eliten oder politischen Entscheidungsträgern.
PAP/jc