Deutsche Redaktion

Polens Außenminister: Europa muss militärisch eigenständiger werden

05.02.2026 11:26
Europa hätte schneller eigene militärische Fähigkeiten entwickeln, den inneren Zusammenhalt stärken und ihre Verpflichtungen innerhalb der NATO konsequenter umsetzen müssen. Das sagte Polens Vizepremier und Außenminister Radosław Sikorski in einem Interview mit der Nachrichtenagentur PAP. Eine stärkere europäische Verteidigung erhöhe den Respekt der USA gegenüber Europa und wirke zugleich abschreckend auf Russlands Präsidenten Wladimir Putin, betonte Sikorski.
Sikorski zabrał głos ws. Rady Pokoju
Sikorski zabrał głos ws. Rady PokojuWOJTEK RADWANSKI/AFP/East News

Zu Beginn des Jahres 2026 befänden sich die transatlantischen Beziehungen in einer Phase der Neudefinition, sagte der Minister. Viele europäische Staaten, darunter auch Polen, hätten erkannt, dass höhere Verteidigungsausgaben im eigenen Interesse lägen – eine Forderung, die US-Präsident Donald Trump bereits während seiner ersten Amtszeit erhoben habe. Polen erfülle die Beschlüsse der NATO-Gipfel „mit Übererfüllung“, so Sikorski. Dieses Vorgehen finde Anerkennung in Washington und stärke zugleich die Abschreckung gegenüber Russland.

Gleichzeitig räumte Sikorski ein, dass das Vertrauen vieler Europäer in die Stabilität der Beziehungen zu den USA gelitten habe. Meinungsumfragen zeigten, dass auch in Polen Zweifel gewachsen seien. Für ihn sei dies ein weiteres Argument, die europäischen Verteidigungsfähigkeiten unabhängig zu stärken.

Eine stärkere Rolle der Europäischen Union in Sicherheitsfragen bedeute nach Sikorskis Einschätzung keine Konkurrenz zur NATO. Bereits in der Vergangenheit hätten europäische Strukturen parallel zum Bündnis existiert, ohne dieses zu schwächen. Die EU habe zudem militärische Missionen durchgeführt, etwa zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Afrikas. Was bislang fehle, seien jedoch Fähigkeiten, die dem politischen Anspruch Europas entsprächen.

Fortschritte sieht Sikorski unter anderem in der Schaffung eines EU-Kommissars für Verteidigung sowie in bestehenden Einrichtungen wie dem EU-Krisenzentrum und dem Satellitenzentrum. Entscheidend sei nun der tatsächliche Aufbau militärischer Fähigkeiten. Dazu solle auch die im Vertrag von Lissabon verankerte Strukturierte Zusammenarbeit (PESCO) beitragen, die bislang jedoch zu wenig ambitioniert umgesetzt worden sei. Eine europäische Brigade, die Sikorski als „Europäische Legion“ bezeichnet, solle in den kommenden Monaten ihre Einsatzfähigkeit erreichen.

Die Hauptaufgabe der Abschreckung Russlands bleibe zwar bei der NATO, erklärte Sikorski. Darüber hinaus gebe es jedoch weitere sicherheitspolitische Herausforderungen, etwa bewaffnete Gruppen auf dem Balkan, Terrorismus in Nordafrika oder kriminelle Netzwerke, die Migranten nach Europa schleusten. Diese Bedrohungen könne Europa eigenständig angehen, ohne auf Unterstützung der USA angewiesen zu sein.

Sikorski verwies zudem auf konkrete EU-Projekte. Rund ein Drittel der Mittel aus der 150 Milliarden Euro schweren EU-Initiative SAFE werde nach Polen fließen und dort unter anderem den Ausbau von Drohnen- und Drohnenabwehrkapazitäten ermöglichen. Die EU investiere außerdem in Infrastruktur, um die militärische Mobilität zu verbessern. Militärische Einheiten seien nur dann von Wert, wenn sie rasch dorthin verlegt werden könnten, wo sie benötigt würden.

Kritisch äußerte sich Sikorski zu einer von US-Präsident Trump vorgeschlagenen „Friedensrats“-Initiative, die parallel zu den Vereinten Nationen entstehen solle. Er riet dazu, zunächst den ungewöhnlichen Statutentext zu lesen. Trump werde darin als alleiniger und lebenslanger Vorsitzender bezeichnet, mit dem Recht, selbst einen Nachfolger zu bestimmen. Unklar sei zudem, was mit den finanziellen Beiträgen der beteiligten Staaten geschehe.

In Polen ist diese Initiative politisch umstritten. Nach Sikorskis Darstellung fordern das Präsidentenlager und die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die Regierung auf, einen Beitrag von einer Milliarde US-Dollar zu leisten. Das Einladungsschreiben sei jedoch an den Präsidenten persönlich gerichtet gewesen, nicht an den polnischen Staat. Nach der Verfassung liege die Verantwortung für die Außenpolitik bei der Regierung, die bislang keine Grundlage für einen Beitritt geschaffen habe.

Mit Blick auf die sicherheitspolitische Lage im Norden Europas betonte Sikorski die wachsende Bedeutung der Ostsee-Region. Nach dem NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands sei die Ostsee faktisch zu einem Binnenmeer des Bündnisses geworden. Gleichzeitig gebe es neue Risiken, etwa durch eine sogenannte russische Schattenflotte maroder Tanker, durch Sabotage an kritischer Infrastruktur, GPS-Störungen und Grenzverletzungen. Diese Herausforderungen erforderten eine enge Zusammenarbeit der Anrainerstaaten.

Abschließend warnte Sikorski vor Versuchen, die europäische Einheit von innen zu untergraben. Zwar gebe es mehrere Akteure, die an einer Spaltung Europas interessiert seien, doch Russland gehe dabei besonders aggressiv vor. Russische Netzwerke in Europa schürten antieuropäische Stimmungen und Radikalisierung. Europa dürfe dieser Form der „kognitiven Aggression“ nicht nachgeben, sagte der polnische Außenminister.


PAP/jc