Auslöser der Krise war die Ernennung von Wincenty Witos zum Ministerpräsidenten wenige Tage zuvor. Piłsudski sah in der neuen Regierungskoalition eine Rückkehr jener politischen Kräfte, die aus seiner Sicht für die Instabilität und wirtschaftlichen Probleme der frühen 1920er Jahre verantwortlich waren.
Piłsudski erklärte damals, er kämpfe gegen die „Herrschaft zügelloser Parteien“ und gegen eine Politik, die sich nur an Macht und wirtschaftlichen Interessen orientiere. Historiker gehen davon aus, dass er zunächst vor allem den Rücktritt der Regierung erzwingen wollte. Die Situation eskalierte jedoch rasch.
Am 12. Mai traf Piłsudski auf der Poniatowski-Brücke in Warschau mit Präsident Stanisław Wojciechowski zusammen. Das kurze Gespräch blieb ohne Ergebnis. Noch am selben Abend begannen die ersten Kämpfe in der Hauptstadt.
In den folgenden Tagen lieferten sich regierungstreue Einheiten und Piłsudski-Anhänger schwere Gefechte in Warschau. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand. Unterstützt wurde Piłsudski unter anderem von linken Parteien sowie von Eisenbahnern, die den Transport regierungstreuer Truppen behinderten.
Nach drei Tagen Kämpfen mit insgesamt 379 Toten und mehr als 900 Verletzten gaben Präsident Wojciechowski und die Regierung auf. In der Nacht zum 15. Mai wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Kurz darauf übernahm Piłsudski als Kriegsminister faktisch die politische Kontrolle über das Land.
Ende Mai wählte die Nationalversammlung Piłsudski zwar zum Präsidenten, doch er lehnte das Amt ab und ließ stattdessen Ignacy Mościcki wählen. Der Maiputsch markierte den Beginn des autoritären „Sanacja“-Systems, das die politische Entwicklung Polens bis zum Zweiten Weltkrieg prägte.
PAP/jc