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Historiker: Russische Manipulationen über den Krieg von 1920 müssen zurückgewiesen werden

14.08.2026 11:31
Russische Falschdarstellungen über die Schlacht bei Warschau von 1920 sollten nicht unwidersprochen bleiben. Sie müssten vielmehr zurückgewiesen werden, sagt der Historiker Maciej Korkuć vom polnischen Institut für Nationales Gedenken (IPN) der Nachrichtenagentur PAP. Anlass ist der 106. Jahrestag der Schlacht.
Józef Piłsudski
Józef Piłsudski NAC

Die russische Propaganda stellt den Vormarsch der Roten Armee nach Westen als Reaktion auf eine angebliche „polnische Aggression“ und die imperialistische Politik Józef Piłsudskis dar. Zudem wird behauptet, Polen habe Tausende sowjetische Kriegsgefangene in „Konzentrationslagern“ getötet. Der Mythos, Polen habe Europa vor dem Bolschewismus verteidigt, diene lediglich dazu, ein angebliches polnisches Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Russland zu kompensieren.

Solche Darstellungen dürften nicht ignoriert werden, sagte Korkuć. Zwar werde dies die russische Propagandamaschinerie nicht stoppen. Ein Schweigen könne ihre Wirkung jedoch verstärken. 

Die Niederlage der Roten Armee 

Russland tue sich bis heute schwer damit, die Niederlage der Roten Armee von 1920 einzugestehen, sagte der Historiker. Dies passe nicht zum großmachtpolitischen Geschichtsbild des Kremls. Polen habe damals seine Unabhängigkeit verteidigt und die sowjetischen Truppen bei Warschau geschlagen. Zusammen mit der Schlacht am Fluss Niemen im September 1920 habe der Sieg eine sowjetische Gegenoffensive verhindert und den weiteren Vormarsch der Roten Armee nach Westen gestoppt.

Die heutige russische Darstellung stehe zudem im Widerspruch zum von Präsident Wladimir Putin wiederbelebten Mythos von der Roten Armee als stets „befreiender“ und unbesiegbarer Kraft. Deshalb müsse Moskau die Bedeutung des polnischen Sieges von 1920 herunterspielen, so Korkuć.

Bereits seit der Zeit Lenins bis in die 1980er Jahre habe die sowjetische Propaganda den Krieg so dargestellt, dass die eigene Niederlage nicht im Mittelpunkt stand. Polen sei als imperialistischer, von den westlichen Entente-Mächten gelenkter Staat dargestellt worden. In der sowjetischen Propaganda sei Polen als „wütender Hund an der Leine der Entente“ bezeichnet worden, sagte Korkuć. Gleichzeitig sei der sowjetischen Führung bewusst gewesen, dass Polen die Pläne zur Ausweitung der bolschewistischen Revolution nach Westen durchkreuzt hatte. 

Der Mythos von den „polnischen Lagern“ 

Auch die Behauptung, Polen habe sowjetische Kriegsgefangene massenhaft ermordet, sei Teil dieser propagandistischen Erzählung. Das Schicksal der gefangenen Rotarmisten sei lange bewusst kaum thematisiert worden, sagte Korkuć. Der später entstandene Mythos über eine polnische Ermordung von Gefangenen sei erst zur Zeit Michail Gorbatschows aufgebaut worden – im Vorfeld des 50. Jahrestags des Massakers von Katyń.

Nach Korkuć suchte die sowjetische Führung damals angesichts der zunehmenden Anerkennung der sowjetischen Verantwortung für Katyń nach belastendem Material gegen Polen. Die Erzählung über angeblich von Polen ermordete und gefolterte sowjetische Gefangene sollte demnach als propagandistisches Gegengewicht dienen.

Unter Putin sei die Darstellung weiter ausgeschmückt worden. Dabei tauchte auch der Begriff „polnische Konzentrationslager“ auf. Korkuć bezeichnete dies als ebenso falsch wie die Behauptung einer systematischen Ermordung sowjetischer Gefangener.

Tatsächlich habe es nach dem Ersten Weltkrieg in verschiedenen Lagern eine hohe Sterblichkeit gegeben, unter anderem wegen schlechter hygienischer Bedingungen, der Spanischen Grippe und anderer Epidemien. Auch Unterernährung habe zum Tod von Gefangenen geführt. Eine massenhafte Ermordung sowjetischer Gefangener durch Polen habe es jedoch nicht gegeben, betonte der Historiker. Die Gefangenen seien registriert und die Verstorbenen bestattet worden.

Anders habe es bei den tatsächlichen Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD ausgesehen. Diese seien gezielt an abgeschirmten Orten verübt worden, die Opfer seien nicht auf gewöhnlichen Friedhöfen bestattet worden, um die Verbrechen geheim halten zu können.

Polen als angeblicher Aggressor

Bei der Schlacht von Warschau beliefen sich die polnischen Verluste auf rund 4.500 Tote, 22.000 Verwundete und 10.000 Vermisste. Die sowjetischen Verluste lassen sich nicht genau bestimmen. Schätzungen zufolge wurden rund 25.000 Soldaten der Roten Armee getötet oder schwer verwundet, etwa 60.000 gerieten in Gefangenschaft und weitere 45.000 wurden von Deutschland interniert.

Die russische Propaganda verbreitet zudem die Darstellung, Polen habe den Krieg als Aggressor begonnen. Historiker verweisen dagegen darauf, dass der polnische Präventivangriff in der Ukraine im April 1920 notwendig gewesen sei, um einen geplanten sowjetischen Angriff auf Belarus zu verhindern. Von diesen Plänen habe Polen durch die Entschlüsselung sowjetischer Nachrichten erfahren.

Der Historiker Paweł Libera schreibt auf dem Portal przystanekhistoria.pl, die Hauptursache des polnisch-bolschewistischen Krieges sei die Bedrohung der wiedererstandenen polnischen Unabhängigkeit sowie der Versuch der Bolschewiki gewesen, die Idee einer permanenten Revolution umzusetzen. Die Errichtung kommunistischer Marionettenregierungen in den von der Roten Armee besetzten Gebieten sei von Polen zu Recht als Aggression verstanden worden.

So gründeten die Bolschewiki 1919 die Litauisch-Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik mit Wilna als Hauptstadt. Bereits Ende 1918 und Anfang 1919 gingen sie gegen die Ukrainische Volksrepublik vor. Im Januar 1919 riefen sie die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik mit Charkiw als Hauptstadt aus und eroberten im Februar Kiew.


PAP/jc

Die siegreiche Schlacht vor Warschau

14.08.2026 11:00
Um ihn zu demütigen, haben Józef Pilsudskis politische Gegner seinen Sieg über die bolschewistischen Truppen vor Warschau das "Wunder an der Weichsel" genannt.