„Wir waren auf diesen Sieg überhaupt nicht vorbereitet“, sagte Wałęsa am Montag in Danzig. Er hatte zuvor am Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter einen Kranz niedergelegt. Begleitet wurde er von ehemaligen Werftarbeitern, Danzigs Oberbürgermeisterin Aleksandra Dulkiewicz und Vertretern des Europäischen Solidaritätszentrums.
Wałęsa dankte seinen damaligen Unterstützern für ihre Ausdauer. Er sagte, er habe bereits damals damit gerechnet, dass der Erfolg der Solidarność später von Kritikern infrage gestellt werde. „Ihr habt mich auf den Schultern getragen, und es wird eine Zeit kommen, in der sie mit Steinen nach mir und nach euch werfen werden“, sagte der frühere Präsident. Es sei ein „wirklich großer, schöner und kluger Sieg“ gewesen.
Wałęsa sprach sich zugleich gegen eine Wiederbelebung der Solidarność in ihrer damaligen Form aus. Nach dem Ende des Kommunismus und dem Zerfall der Sowjetunion sei der gemeinsame Nenner weggefallen, der die Gesellschaft zuvor verbunden habe. Im Zusammenhang mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine könne zwar eine ähnliche Initiative entstehen, sie werde aber nicht dieselbe Größe erreichen. „Der vereinigende Geist ist heute nicht vorhanden“, sagte Wałęsa.
Der frühere Präsident forderte außerdem eine grundlegende Neubestimmung politischer Begriffe und Institutionen. Man müsse „die Linke, die Rechte, die religiösen Parteien, sogar die Demokratie neu definieren“. Die Demokratie müsse gerettet werden, sagte Wałęsa. Andernfalls drohten gesellschaftliche Konflikte, die „Polen, Europa und die Welt in Brand setzen“ könnten.
Vor 46 Jahren hatten Vertreter der kommunistischen Regierung und des Streikkomitees in der Danziger Werft das August-Abkommen unterzeichnet. Die Regierung stimmte unter anderem der Gründung unabhängiger und selbstverwalteter Gewerkschaften sowie dem Streikrecht zu. Weitere Forderungen betrafen ein Denkmal für die Opfer der Proteste vom Dezember 1970, die Übertragung von Sonntagsgottesdiensten im polnischen Rundfunk und eine Einschränkung der Zensur.
Das Abkommen unterzeichneten Wałęsa als Vorsitzender des Streikkomitees und der damalige Vizepremier Mieczysław Jagielski. Es führte zur Gründung der Solidarność – der ersten unabhängigen und legalen Gewerkschaft in einem kommunistischen Staat.
Am Montag finden in Danzig mehrere Gedenkveranstaltungen zum 46. Jahrestag der August-Abkommen statt. Die Stadt und das Europäische Solidaritätszentrum veranstalten eigene Feierlichkeiten. Auch die Gewerkschaft Solidarność lädt zu einer Gedenkveranstaltung ein, an der Staatspräsident Karol Nawrocki teilnehmen soll.
PAP/jc