Nawrocki hatte bei der Gedenkveranstaltung an die deutsche und sowjetische Verantwortung für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs erinnert. „Man muss daran erinnern, dass am 1. September 1939 die Hekatombe, das Pandämonium begann“, sagte der Präsident. Er verwies auf rund sechs Millionen ermordete polnische Staatsbürger, die etwa 17 Prozent der Bevölkerung der damaligen Zweiten Polnischen Republik ausgemacht hätten.
Der Präsident kritisierte zudem, dass die Erinnerung an die deutschen Verbrechen in Polen in Deutschland und Europa aus seiner Sicht nicht ausreichend präsent sei. „Es gibt eine Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg, die bei unseren westlichen Nachbarn, unseren Verbündeten, in Berlin, in Deutschland so wenig gehört wird“, sagte Nawrocki. „Auch wenn es schmerzt, aber notwendig ist –, dass Deutschland Adolf Hitler nicht brauchte, um Polen, die Polen, die Polinnen und die polnische Identität zu verachten. Dafür gibt es viel zu viele Beispiele.“
Puhl fasste Nawrockis Botschaft sinngemäß so zusammen: Russland töte zwar in der Ukraine, aber auch Deutschland könne grundsätzlich nicht vertraut werden. Niemand könne sicher sein, dass Berlin nicht bald wieder Geschäfte mit Russland mache. Deutschland müsse zudem endlich Reparationen zahlen. Damit knüpfe Nawrocki an historische Ängste vor Deutschland an.
Gleichzeitig räumte der „Spiegel“-Autor ein, dass Nawrocki mit einem Punkt recht habe. „Die meisten Deutschen sind sich der Schuld am Holocaust bewusst, haben aber kaum eine Vorstellung vom Ausmaß des Krieges gegen Polen und andere Völker der Region“, schrieb Puhl. Auch mit seinem Hinweis auf eine rassistische Verachtung von Slawen in deutschen nationalistischen Kreisen bereits vor Hitlers Machtübernahme habe der polnische Präsident einen berechtigten Punkt.
Puhl warnte zugleich vor möglichen politischen Folgen. Sollte das politische Lager Nawrockis bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr erfolgreich sein und die Rechte sowohl das Präsidentenamt als auch die Regierung kontrollieren, drohten Streit und Misstrauen zwischen Polen und Deutschland. Die beiden Länder gehören zu den wichtigsten Staaten an der östlichen Flanke der EU, deren Schutz vor der Bedrohung durch Russland eine zentrale strategische Herausforderung darstelle.
PAP/SPIEGEL/jc