Sikorski nannte keine konkreten Details. Er verwies jedoch auf die Möglichkeit eines Angriffs unter falscher Flagge. „Ich denke, Putin braucht einen Vorwand für eine Mobilisierung“.
Als weiteres mögliches Szenario nannte Sikorski eine Verschärfung der Lage an der Ostflanke der Nato. Er verwies unter anderem auf die russischsprachige Bevölkerung in Narwa in Estland und in Teilen Lettlands. Russland könnte nach seiner Einschätzung versuchen, eine Landverbindung von Belarus zur russischen Exklave Kaliningrad über Litauen herzustellen. „Wir wissen nicht, was sie tun werden, aber wir müssen vorbereitet sein, um sie abzuschrecken“.
Eine groß angelegte Invasion hält der Minister zugleich für weniger wahrscheinlich. Russland wäre „verrückt“, wenn es sich für einen umfassenden Angriff entscheiden würde, sagte Sikorski. Er rechne daher eher mit einer weniger eindeutigen Aktion, die es zudem erschweren könnte, den Nato-Bündnisfall nach Artikel 5 auszulösen.
Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine sagte Sikorski, Russland könne den Konflikt möglicherweise noch ein bis zwei Jahre fortsetzen. Die russische Wirtschaft leide zwar, auch die Reserven würden schrumpfen. Ein entscheidender Faktor könnte nach seinen Worten die Zerstörung eines großen Teils der russischen Raffineriekapazitäten durch die Ukraine sein.
Sikorski verwies zugleich auf die militärischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Ukraine. Russland habe nach seiner Einschätzung noch mehrere Optionen, darunter eine Mobilisierung sowie Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung, das Heizsystem und große Unternehmen. „Aber auch die Ukrainer haben, wie Präsident Trump gesagt hat, Karten in der Hand“.
Auch die Beziehungen zu den USA waren Thema des Gesprächs. Sikorski sprach sich für eine dauerhafte amerikanische Militärpräsenz in Polen aus. Eine geplante US-Basis könne nach seinen Angaben langfristig Platz für eine Brigade bieten. Derzeit seien rund 7000 US-Soldaten auf Rotationsbasis in Polen stationiert. Sikorski hält eine dauerhafte Präsenz von etwa 10 000 US-Soldaten für ausreichend.
Das Verhältnis zwischen Europa und den USA verglich Sikorski mit einer Ehe. Auch wenn die Liebe möglicherweise nicht mehr vorhanden sei, sollten beide Seiten wegen ihrer gemeinsamen Interessen daran festhalten. „Wir können anderswo Affären haben, aber für uns sind wir verheiratet und sollten daran festhalten, weil wir vernünftig sind“, sagte er.
PAP/IAR/jc