Anfang November sollen Vertreter Russlands und der Ukraine unter Beteiligung der USA in Abu Dhabi über ein Ende des Krieges beraten. Podworna bezweifelt jedoch, dass dabei eine Waffenruhe vereinbart werden kann.
Putin strebe danach, die NATO auf ihre Grenzen vor 1997 zurückzudrängen, sagte die Expertin, die an der Justus-Liebig-Universität Gießen zu den Auswirkungen des Krieges auf Europa und die NATO forscht. „Das würde bedeuten, Polen, Tschechien, Ungarn und die baltischen Staaten wieder in den russischen Einflussbereich zurückzuführen“, warnte sie.
Die häufig gezogene Parallele zu einer zweiten Jalta-Konferenz hält Podworna für irreführend. Die Situation erinnere eher an das Münchner Abkommen von 1938, bei dem die europäischen Großmächte die Abtretung des Sudetenlandes an Nazi-Deutschland vereinbarten, ohne die Tschechoslowakei angemessen einzubeziehen. „Putin und Trump können sich als Stalin und Roosevelt verkleiden wollen, aber das wird nicht funktionieren“, sagte sie. „Es ist heute nicht möglich, über das Schicksal von Staaten und Völkern über die Köpfe ihrer Bürger hinweg zu entscheiden.“
Auch die Rolle von US-Präsident Donald Trump sieht Podworna kritisch. Trump sei kein neutraler Vermittler, sondern werde von innenpolitischen Interessen geleitet. „Die Amerikaner setzen die Ukraine unter Druck, Lösungen zu akzeptieren, die für sie nachteilig sind. Sie spielen sehr unfair“, sagte sie. Das bedeute jedoch nicht, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj allen Forderungen nachgeben werde.
Die Ukraine sei heute militärisch stärker aufgestellt als zu Beginn der russischen Invasion 2022. „Die Ukraine von 2026 ist nicht die Ukraine von 2022“, betonte Podworna. Die ukrainischen Streitkräfte seien inzwischen die stärksten in Europa und die einzigen mit umfassender Kampferfahrung.
Die Expertin warnte davor, dass Russland sich mit der Kontrolle über den Donbass zufriedengeben könnte. „Wenn wir ihm den Donbass überlassen, wird er nach der Zentral- und Westukraine greifen. Danach kommen Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien und Ungarn“, sagte sie.
Als mögliches Druckmittel Moskaus nannte Podworna auch die ukrainischen Atomkraftwerke Chmelnyzkyj und Riwne, die nahe der polnischen Grenze liegen. Ein gezielter Angriff auf die Anlagen sei allerdings ein höchst hypothetisches Szenario. Wahrscheinlicher sei, dass Russland mit einer Bedrohung der Kraftwerke versuche, Polen und seine Verbündeten zu Zugeständnissen zu bewegen.
Podworna rechnet damit, dass der Krieg über das Jahr 2026 hinaus andauert und wahrscheinlich auch im kommenden Jahr weitergeht. Trotz der Erschöpfung in der ukrainischen Bevölkerung werde das Land weiterkämpfen. „Wir müssen kämpfen, weil wir keine andere Wahl haben“, sagte sie.
IAR/jc