Zu den Betroffenen zählen ehemalige Häftlinge von Konzentrationslagern und Gefängnissen, zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportierte Menschen sowie weitere Opfer nationalsozialistischer Repressionen.
Hinter diesen Zahlen stünden konkrete menschliche Schicksale: Kinder, die mit ihren Familien ins Innere des Deutschen Reiches deportiert wurden, junge Menschen, die in Konzentrationslagern inhaftiert waren, und Frauen, die zur Sklavenarbeit gezwungen wurden, heißt es in dem Schreiben.
„Die Kriegserfahrungen haben ihr ganzes Leben geprägt und ihnen ihre Gesundheit, ihre Kindheit oder ihre Jugend genommen“, schreiben die Verfasser.
Viele der Überlebenden seien inzwischen über 90 Jahre alt. Sie litten unter Krankheiten und Einsamkeit und seien zunehmend auf Unterstützung im Alltag angewiesen. Gleichzeitig würden die Kosten für medizinische Behandlung und Pflege zu einer immer größeren Belastung.
„Mit jedem Monat werden es weniger. Sie können nicht länger warten – für viele von ihnen bedeutet eine weitere Verzögerung, dass die Hilfe zu spät kommen wird“, heißt es in dem Appell.
Forderung nach dauerhaftem Hilfsprogramm
Bereits vor einigen Monaten hatten sich polnische Opferverbände sowie der Rat und der Vorstand der Stiftung für Deutsch-Polnische Aussöhnung an die Bundesregierung gewandt. Sie forderten eine humanitäre Geste und die Einrichtung eines dauerhaften Unterstützungsmechanismus.
Die Verfasser erinnern daran, dass die großen Programme für individuelle Entschädigungszahlungen an polnische NS-Opfer vor mehr als 20 Jahren ausgelaufen seien. Die meisten der heute noch lebenden Betroffenen hätten zuvor Leistungen im Rahmen von Programmen der Stiftung erhalten. Seitdem sei die Unterstützung jedoch nur noch von begrenztem Umfang, obwohl der Hilfsbedarf der immer älter werdenden Opfer stetig zunehme.
Die deutsche Seite sei sich ihrer moralischen Verantwortung gegenüber den noch lebenden Opfern nationalsozialistischer Verfolgung bewusst. Angaben des Bundesfinanzministeriums zeigten zudem, dass ausreichende Mittel für ihre Unterstützung vorhanden seien. Eine Entscheidung über einen dauerhaften Hilfsmechanismus stehe jedoch weiterhin aus, kritisieren die Unterzeichner.
Aufruf an die deutsche Zivilgesellschaft
Neben der Bundesregierung richtet sich der Appell insbesondere an die deutsche Zivilgesellschaft. Angesprochen werden Privatpersonen, Unternehmen, Stiftungen, gesellschaftliche Organisationen und alle Menschen, die helfen möchten.
Jeder Beitrag könne einen konkreten Unterschied machen – etwa beim Kauf von Medikamenten, Hörgeräten, Brillen oder medizinischen Hilfsmitteln sowie bei der Finanzierung von Rehabilitation und Pflege.
Die Autoren erinnern zugleich daran, dass die deutsch-polnische Aussöhnung nicht allein auf Verträgen und politischen Entscheidungen beruhe. Seit Jahrzehnten werde sie auch von Menschen und Organisationen auf beiden Seiten der Grenze getragen. Eine wichtige Rolle hätten dabei christliche und kirchliche Organisationen gespielt, die sich früh für die Aussöhnung und die Unterstützung der Opfer nationalsozialistischer Verbrechen eingesetzt hätten.
„Heute bitten wir erneut um diese Solidarität – nicht nur in Worten, sondern vor allem durch Taten“, betonen die Unterzeichner.
PAP/jc