Deutsche Redaktion

Kulturvermittler in Krisenzeiten

11.06.2026 15:23
Viele Germanisten können mit seinem Namen nichts anfangen. Dabei hat Alfred Jesionowski für die deutsch-polnisch-schlesischen Literaturbeziehungen mehr getan als die meisten Kulturvermittler seiner Zeit. Er starb vor über 80 Jahren während eines der von den deutschen SS-Wachmannschaften organisierten „Todesmärsche“.
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Der polnische Germanist Alfred Jesionowski war einer der einflussreichsten Vermittler in den deutsch-polnischen Literaturbeziehungen. (NAC)
Der polnische Germanist Alfred Jesionowski war einer der einflussreichsten Vermittler in den deutsch-polnischen Literaturbeziehungen. (NAC) NAC

Alfred Jesionowskis Leben und Schreiben kreiste um Schlesien, dem er, obgleich der Gegend um Poznań entstammend, aufgrund seiner Leidenschaft für die deutsch-polnischen Beziehungen zeitlebens nicht entrinnen konnte. Sein Werk umfasst über 550 gedruckte Publikationen sowie einige unveröffentlichte literarische Versuche, darunter einen Roman. Er arbeitete u.a. als Gymnasiallehrer, machte sich in den 1930er aber vor allem als Germanist, Kunstförderer und Literaturkritiker einen Namen. Seine Kultursendungen bei Polskie Radio Katowice wurden nicht nur in Schlesien gehört. Nach dem deutschen Überfall auf Polen geriet er ins Visier der nationalsozialistischen Okkupanten.


Ein Artikel Jesionowskis über den „Großpolnischen Regionalismus“ in der Tageszeitung „Dziennik Kujawski“ (in der Beilage „Piast“). (NAC)
Ein Artikel Jesionowskis über den „Großpolnischen Regionalismus“ in der Tageszeitung „Dziennik Kujawski“ (in der Beilage „Piast“). (NAC)

Im Frühjahr 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet und in deutschen Gefängnissen in Katowice und Krakau festgehalten. Er starb im Januar 1945 unter ungeklärten Umständen während eines der berüchtigten „Todesmärsche“ im Alter von nur 43 Jahren. Dabei galt Jesionowskis wahres und einziges Interesse der Literatur. Es graute ihm vor dem Ruf einer öffentlichen Person, vor deren Pflichten er beständig floh, um dann an den Schreibtisch zurückzukehren, wo er verbissen an seinen Manuskripten arbeitete, häufig mehrere komplette Fassungen schrieb und selten damit zufrieden war.  


Alfred Jesionowski mit seiner Frau Łucja und den Töchtern Nina und Hania (NAC). 
Alfred Jesionowski mit seiner Frau Łucja und den Töchtern Nina und Hania (NAC).

In der Volksrepublik Polen geriet er etwas in Vergessenheit. Erst jetzt - dank der unermüdlichen Arbeit seiner Enkelin und Philologin Olga Płaszczewska - wissen wir mehr über seine Leidenschaft für die deutsche Kultur sowie über die sinkende Zuversicht eines Literaturkritikers, der unter dem Aufstieg der Nationalsozialisten im Nachbarland geradezu körperlich litt. Der NS-Terror in Deutschland verhöhnte nicht nur Jesionowskis humanistische Ideale von Bildung, geistigem Fortschritt und Nächstenliebe, sondern zerstörte auch seine Hoffnungen auf eine friedlich versöhnte Gemeinschaft europäischen Künstlertums, in dem seiner Ansicht nach jede Nation ihre eigenen Interessen uns Stilrichtungen vertreten sollte. Es war ein Lebenstraum, den zu verwirklichen er als Pflicht und Aufgabe verstand. 

Mehr darüber von Wojciech Osiński.


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