Eine „geheimnisvolle Stimme“ habe ihm die Zeilen zugerufen, in anscheinend perfekter Beherrschung polnischer Grammatik, erinnerte sich nach Jahren Władysław Sebyła, als er nach seinem Lyrik-Debüt befragt wurde. Die Rede ist von dem vor fast hundert Jahren veröffentlichten Gedicht „Modlitwa“ („Das Gebet“), durch das dem polnischen Autor der Sprung ins Meisterfach gelang und das in unserer Literatur bis heute einzigartig ist.
Władysław Sebyła mit seiner Frau Sabina im September 1928. (NAC)
Sebyła gehörte nicht zu jenen Poeten, die nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in die komfortablen Schutzräume europäischer Aristokraten entrückt waren. Er kämpfte an vorderster Front. Zwar lebte auch er in seinem eigenen lyrischen Kosmos, dem er zeitenthobene Weisheiten über Liebe, Gott und das menschliche Dasein ablauschte, doch Krieg und soziale Härten spielen in seinem Werk eine ebenso wichtige Rolle. Für „mondän abgeschottete Dichterexistenzen“ hatte der schwer schuftende Leutnant nicht viel übrig.
Der polnische Dichter kämpfte mehrmals an der Front. (NAC)
In Sebyłas letztem Gedichtband („Obrazy myśli“) raunt es zunehmend weihevoll, aus diesen Zeilen ertönt eine virtuose Sprachmusik, der Heerscharen von Polonisten immer wieder neue Bedeutungen zu entlocken suchen. Allerdings erst heute, denn nach seiner Ermordung in Charków durch einen sowjetischen Beamten geriet Sebyła in der Volksrepublik Polen lange in Vergessenheit. Wojciech Osiński wirft einen Blick auf das Leben und Schaffen eines Autors, dessen Höhenflug viel zu früh unterbrochen wurde und dessen Texten viel zu spät ein historischer Referenzwert zugesprochen wurde. Doch besser spät als nie.