Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war im Zeitalter des Barock nur noch ein brüchiges Gebilde. Während die Nachbarländer sich zu territorialen Einheitsstaaten entwickelt hatten, erlebte das Reich mit dem Dreißigjährigen Krieg einen empfindlichen politischen und wirtschaftlichen Rückschlag. Durch die Zersplitterung in unzählige Kleinstaaten steckte auch die deutsche Literatur in einer Selbstbehauptungskrise. Die damaligen Schriftsteller waren nicht selten nur Nachahmer oder Übersetzer, die Probleme hatten, mit den dichterischen Leistungen im Westen und Osten Europas Schritt zu halten. Diese Nachdichtungen sowie Übertragungen brachten jedoch den ersten Nachweis, dass Barockdichtung in deutscher Sprache grundsätzlich möglich war.
Die Einübung einer neuen deutschen Literatursprache mit dem Ziel, die kulturelle und literarische Verspätung aufzuholen, bedeutete, dass man sich an der frühen französischen und italienischen Literatur orientiert hatte, gelegentlich aber auch an der polnischen: Die von Martin Opitz inspirierte Schlesische Dichterschule war darauf bedacht, durch Aneignung des humanistischen Formen- und Stilrepertoires eine neue Sprache zu schaffen und auf diese Weise zu ebenbürtigen eigenen Leistungen zu gelangen. Zu den talentiertesten schlesischen Dichtern gehörte der in Głogów geborene Andreas Gryphius (1616-1664), der mit dem Stück „Piastus“ dem Nachbarland Polen ein literarisches Denkmal setzte.
Ein Beitrag von Wojciech Osiński.