Die ersten Kriminalromane in der Zweiten Polnischen Republik waren, übrigens ähnlich wie auch das Unterhaltungstheater, stark von ausländischen Vorbildern geprägt. Angeregt durch französische Erfolgsautoren (Georges Simenon, Gaston Leroux, Maurice Leblanc) gab es an der Weichsel Bemühungen, lesbarer, verständlicher, massenwirksamer und unterhaltender zu schreiben. In Polen bestand allerdings keine direkte bzw. scharfe Trennung zwischen „hoher“ und „niedriger“ Unterhaltungsprosa, sondern ein fließender Übergang.
Der Bestseller „Prokurator Alicja Horn“ von Tadeusz Dołega-Mostowicz erschien 1933 und wurde nur wenige Monate später von Michał Waszyński verfilmt.
Dem sich ständig verbreiternden Bedürfnis nach spannungsreichen Lesestoffen entsprach die in der Zwischenkriegszeit feste Formen annehmende Auffächerung der Romanliteratur in Spezialgenres wie „Detektivroman“, „Gerichtskrimi“, „Polizeiroman“ oder „historischer Kriminalroman“. Zudem waren sie allesamt mit politischen Daten und Fakten angereichert, könnten daher heute eher als „Politthriller“ bezeichnet werden. Als Kehrseite der Avantgarde entstand demnach eine „zweite Literatur“, die einerseits zwar ein Massenpublikum erreichte, für deren Rezeption aber mehr erforderlich war als nur Langeweile und Neugier, die aus der Einförmigkeit des täglichen mühseligen Broterwerbs entsprangen.
Einige Krimi-Romane von Stanisław Wotowski, Aleksander Błażejowski, Adam Nasielski oder Tadeusz Dołęga-Mostowicz gelten als zeitlose Meisterwerke. Diese Prosaiker galten schon zu ihren Lebzeiten als willkommene Stofflieferanten für Filmproduktionen, auch wenn der Beruf des Drehbuchautors damals noch nicht fest umrissen war und das Kino unter einem Legitimationsdefizit gegenüber der Literatur litt. Wojciech Osiński berichtet.