Der deutsche Nationalsozialismus erschien vielen Denkern als Fortsetzung kolonialer und rassistischer Gewalt mit anderen Mitteln. Beide Herrschaftsformen basierten auf Gewalt und Vernichtung, und dies nicht nur in Afrika, sondern vor allem auch im Osten Europas. Im 19. Jahrhundert wurde gleichfalls in Polen preußische Kolonialpolitik betrieben: Es kam zur Ausbeutung ökonomischer Ressourcen und zu dem Versuch der Implementierung einer fremden Kultur. In den deutschen Zeitungen und Romanen wurden die Polen, die auf eine tausendjährige Geschichte voller zivilisatorischer Errungenschaften zurückblicken konnten, wie „Eingeborene“ vorgeführt. Diese Vorurteile griff später teilweise die NS-Propaganda auf.
Postkarte mit „Askari“ und der deutschen Reichsflagge, ca. 1910. (DHM)
„Die Ausstellung versucht, zwei verschiedene Gewaltfelder gemeinsam zu behandeln, die meistens getrennt betrachtet werden“, sagt der Berliner Historiker Stephan Malinowski. Die systematische Ermordung vieler Polen und Juden sei nicht als Kulminationspunkt kolonialer Gewalttraditionen, sondern als deren deutlichste Überschreitung und als Zäsur innerhalb der europäischen Gewaltgeschichte zu begreifen, so der Kurator der Ausstellung. Vor diesem Hintergrund böte das Deutsche Historische Museum eine Annäherung an jene Sachverhalte, die in beiden Herrschaftssystemen erkenntnisreich miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Es ginge aber auch um die Unterschiede. Das Gespräch führte Wojciech Osiński.
Dr. Stephan Malinowski ist Historiker und Kurator der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. (Wojciech Osiński)
Die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ im DHM wird am 16. Oktober 2026 eröffnet und läuft bis zum 11. April 2027.