Schließlich habe Polen die meisten ukrainischen Flüchtlinge aufgenommen und als erstes Land die Lieferung von schweren Waffen und Flugzeugen für Kiew beantragt. Außerdem ist Polen der größte Umschlagplatz für alle Arten von Gütern - einschließlich militärischer Ausrüstung - in die Ukraine.
Polen seien auch die einzigen in Europa, die dafür mit dem Leben zweier polnischer Bürger bezahlt haben, als letztes Jahr eine verirrte Rakete auf polnischem Gebiet eingeschlagen war. Geht es nach dem Autor, sei es somit schlecht, dass man sich in Kiew dessen nicht voll bewusst sei. Desto mehr, lesen wir, zumal sich eine Krise in den polnisch-ukrainischen Beziehungen abzeichne, deren erster Vorbote die Probleme mit Getreide aus der Ukraine seien. Weitere würden folgen, zum Beispiel mit Zucker, so das Blatt.
Diese Situation, fährt Łomanowski fort, sei ein klares Indiz dafür, dass beide Länder enorme Probleme mit dem Funktionieren ihrer staatlichen Organe hätten. Im Falle der Ukraine sei die Erklärung dafür natürlich der Krieg. Aber auch das reiche nicht aus. Es bleibe ein Rätsel, warum Präsident Selenskyj die Reform des zutiefst korrupten ukrainischen Zolldienstes nicht abgeschlossen habe. Für Polen gebe es auch keine Erklärung dafür, warum die staatlichen Dienste erst nach Massenprotesten in Aktion treten. Schließlich befinde sich Polen nicht im Krieg, urteilt Łomanowski.
Am Horizont zeichnen sich noch größere Probleme ab, schreibt der Autor. Polen beherberge mehr als eine Million ukrainische Flüchtlinge. Ihr Aufenthalt könnte zu einem der Themen des kommenden Wahlkampfes werden, sollte sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtern. Es sei deshalb wichtig, lautete die Schlussfolgerung in der Rzeczpospolita, sich der wahren Lage bewusst zu sein und vor allem damit aufzuhören, den Krieg in der Ukraine und die weltweite Popularität von Präsident Selenskyj für eigene Propagandazwecke zu nutzen.
„De Standaard": Die Aufnahme der Ukraine in die NATO und in die EU wird den Krieg beenden
Der Beitritt der Ukraine zur NATO und zur Europäischen Union sei die einzige Möglichkeit, nicht in einen endlosen Krieg mit Russland zu geraten, meint der britische Historiker Timothy Gordon Ash in der belgischen Tageszeitung „De Standaard". Sein Interview wird von der polnischen Nachrichtenagentur PAP zitiert. Der Westen habe in seiner Euphorie über die Veränderungen nach 1989 die Tatsache aus den Augen verloren, argumentiere der Oxford-Professor, dass eine Großmacht wie Russland sich nicht so einfach mit ihrem Niedergang abfinden würde. Die russische Invasion in der Ukraine habe diese Illusion ein für alle Mal beseitigt, lesen wir.
Dem Briten zufolge seien Putins „neokolonialer Instinkt" und „imperialistischer Revanchismus" schon am Anfang seiner politischen Karriere seit der ersten Hälfte der 1990er Jahre bekannt gewesen. Der Westen würde sich auch nicht in der gegenwärtigen Krise befinden, betont der Historiker, hätte er auf die Annexion der Krim im Jahr 2014 entschlossener reagiert.
Die Niederlage Russlands, fährt der Professor fort, werde für das Land vorteilhaft sein. Hierbei erinnert Ash an die Worte des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Am 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1985 habe er die Niederlage Deutschlands als Segen bezeichnet. Sie sei der wahre Beginn der Befreiung gewesen. Geht es nach dem Briten könnte das auch für die Russen gelten. Darüber hinaus befürworte er die NATO-Erweiterung auf die Ukraine. Das schlimmste was Putin dann machen könnte, sei die Ukraine anzugreifen, und das, lesen wir, habe er bereits getan. Sicherheitsgarantien für die Ukraine seien jetzt somit die einzige Möglichkeit, den Frieden in Europa zu sichern, lautet sein Fazit.
BiznesAlert: Polen überholen Deutsche bei Geschäften in der Ukraine
Der deutsche Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Robert Habeck, habe Kiew mit einer Wirtschaftsdelegation besucht, schreibt indes das Online-Wirtschaftsblatt BiznesAlert. Er habe angeboten, noch vor der Abwehr der russischen Invasion mit der Ukraine beim Wiederaufbau der Ukraine zu helfen. Polen, lesen wir, würde eine solche Zusammenarbeit bereits trotz des dort schon mehr als ein Jahr herrschenden Krieges fortsetzen. Für Habeck und Vertreter des deutschen Energiesektors aber sei dies der erste Besuch am Dnjepr seit der russischen Invasion vom 24. Februar.
Die deutschen Unternehmen werden auf eine intensive polnische Präsenz in Kiew treffen, schreibt BiznesAlert. Polens staatlicher Energiekonzern PGNiG habe in Kiew bereits ein Büro und beteilige sich an der Exploration und Förderung von Kohlenwasserstoffen in den Unterkarpaten. Das Unternehmen könnte sogar trotz der Kriegshandlungen erste Bohrungen durchführen, lesen wir. Polens Gasriese und sein ukrainischer Partner würden bereits gemeinsam mit Erdgas handeln, einschließlich Flüssiggas aus den USA. Warschau erwäge auch Investitionen in den ukrainischen Heizsektor, so das Online-Blatt.
Joachim Ciecierski