FAKT: Wenn die Wohnung zu klein für ein zweites Kind ist
Zu kleine Wohnungen verschärfen die demografische Krise in Polen. Mehr als 40 Prozent der befragten Polen, die in Mehrfamilienhäusern leben, geben an, dass ihre Wohnungsgröße sie davon abhält, ein weiteres Kind zu bekommen, schreibt die Tageszeitung Fakt. Die Wohnverhältnisse beeinflussen bereits die Entscheidung für das erste Kind: 31 Prozent der Befragten, die in Wohnungen leben, sehen ihre derzeitige Wohnsituation als Hindernis. Bei der Entscheidung für ein weiteres Kind steigt der Anteil auf 43 Prozent. Bei Bewohnern von Einfamilienhäusern ist das Problem weniger ausgeprägt.
Dennoch stecken viele Familien in einer wohnungspolitischen Sackgasse, meint Anna Zachara-Widła, Forscherin im Bereich Konsumverhalten. Junge Polen kauften häufig zunächst eine kleine Wohnung in der Annahme, dass sie nur eine Übergangslösung sei. Wenn sie später ihre Familie von drei auf vier Personen vergrößern wollten, scheitere der Umzug in eine größere Wohnung oft an den hohen Preisen und der begrenzten Kreditwürdigkeit. Gerade in Großstädten sei ein solcher Schritt für viele finanziell nicht mehr zu bewältigen. Die Folge: Familien blieben in zu kleinen Wohnungen und verschöben die Entscheidung für ein zweites Kind – oder gäben sie ganz auf.
Die Ergebnisse einer neuen Studie stützen diese Einschätzung. 44 Prozent der Befragten, die in Mehrfamilienhäusern leben, sagen, dass ihre Wohnung zwar vor einigen Jahren ihren Bedürfnissen entsprochen habe, heute aber nicht mehr unbedingt passe. Fast die Hälfte ist also aus ihrer Wohnung gewissermaßen herausgewachsen. Die demografische Lage in Polen sei schwierig, sagt Zachara-Widła weiter. Wie in vielen anderen europäischen Ländern altere die Gesellschaft, während wirtschaftliche Faktoren den Kauf von Immobilien erschwerten. Für viele junge Menschen werde das Familienmodell mit einem Kind zur bevorzugten oder einzig finanzierbaren Lösung. Der Immobilienmarkt müsse sich in den kommenden Jahren auf diese Veränderungen einstellen, stellt Fakt fest.
DZIENNIK / GAZETA PRAWNA: Tusk und das Dilemma der Rechtsstaatlichkeit
Die Situation, in der sich Polens Ministerpräsident Donald Tusk befindet, sollte Demokraten in ganz Europa eine Warnung sein: Sie müssen sich rechtzeitig und mit allen legalen Mitteln gegen Feinde der Demokratie und der Verfassung zur Wehr setzen, schreibt die Dziennik/Gazeta Prawna unter Berufung auf einen Kommentar der Süddeutschen Zeitung. Die Zeitung greift Tusks Aussage auf, er werde nicht Schach spielen, wenn sein Gegner mit einem Baseballschläger auf ihn zukomme. Bei der Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit könne Tusk deshalb nicht immer selbst sämtliche Regeln einhalten, heißt es in dem Kommentar.
Der Europäische Gerichtshof habe festgestellt, dass Polens Verfassungsgericht weder unabhängig noch unparteiisch sei. Die Vorgängerregierung unter Führung der PiS-Partei habe das Gericht zu einem politischen Vollzugsorgan degradiert. Nun stehe Tusks Regierung vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe, einen rechtswidrigen Zustand mit legalen Mitteln zu beenden, schreibt das Blatt. Präsident Karol Nawrocki und Verfassungsgerichtspräsident Bogdan Święczkowski erschwerten acht vom Sejm gewählten Richtern die Aufnahme ihrer Arbeit. Gegner Tusks protestierten vor dem Gericht.
Der Regierungschef stehe damit vor einem Dilemma, das allen Demokraten in Europa als Warnung dienen müsse: Wer sich nicht rechtzeitig mit allen legalen Mitteln gegen Feinde der Demokratie und der Verfassung wehre, werde am Ende vor einer Festung stehen, deren Zugbrücken bereits hochgezogen seien. Der Ministerpräsident sehe sich einem Präsidenten und Teilen einer teilweise rechtsextremen Opposition gegenüber, denen weder Unparteilichkeit noch die in der EU geltenden Rechtsnormen wichtig seien – und am wenigsten die Wahrheit, heißt es in Dziennik/Gazeta Prawna.
TYGODNIK POWSZECHNY: Der Preis der Heilung
Wer in Polen die Macht über Körper und Seele hat? Keine Politiker, Ärzte, Therapeuten oder Wissenschaftler – und schon gar nicht die Vertreter institutionalisierter Religionen: Die wirkliche Macht über die Polen haben selbst ernannte Experten für Körper und Seele, berichtet die Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny. Manche von ihnen sind völlig harmlos, selbst wenn sie Scharlatane sind – eher im Sinne eines Gedichts von Konstanty Ildefons Gałczyński als im Sinne des jüngst beratenen und schließlich vom Präsidenten mit einem Veto gestoppten Gesetzes. Einige können sogar hilfreich sein. Andere jedoch bringen Menschen durcheinander und in Schwierigkeiten. Und das zu einem beträchtlichen Preis.
Wer sind diese Menschen? Schon bei der Bezeichnung beginnt das Problem. Sie nennen sich häufig „spirituelle Begleiter“, manchmal auch „Experten“, gelegentlich mit dem vertrauenerweckenden Zusatz „Dr.“ oder als „Coaches“, was eher nach persönlicher Weiterentwicklung klingt.
Unter den Geschäftsleuten, die Tomasz Kwaśniewski in seinem Buch W co wierzą Polacy (Woran die Polen glauben) und Monika Sobień-Górska in Rok, w którym szukałam sensu i ukojenia (Das Jahr, in dem ich nach Sinn und Trost suchte) beschreiben, finden sich Wahrsagerinnen, Bioenergetiker sowie Tarot- und Horoskopexperten. Hinzu kommen Neoschamanen und moderne Hexen, aber auch Influencer, die ihren Kunden selbst zusammengestellte Mischungen aus Praktiken verschiedener spiritueller und religiöser Traditionen anbieten. Ergänzt werden diese mit psychologischen Techniken und mitunter mit alternativen Heilmethoden.
Kwaśniewski und Sobień-Górska haben sich der Mühe unterzogen, einen kleinen Teil des umfangreichen Angebots selbst auszuprobieren. Der Gesamtwert dieses Marktes in Polen ist bislang nicht beziffert worden – unter anderem, weil das Angebot zu vielfältig und schwer abzugrenzen ist. Allein aber der Bereich esoterischer Dienstleistungen einschließlich des Handels mit entsprechenden Akzessorien wird auf drei Milliarden Złoty geschätzt, lesen wir in Tygonik Powszechny.
Jakub Kukla