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Deutsche Redaktion

Die Tagebücher von Andrzej Bobkowski – Bekenntnisse eines Unbeugsamen

19.07.2021 22:41
Einige Weggefährten von Andrzej Bobkowski bezeichnen sein Kriegstagebuch ʺSzkice piórkiemʺ als einen Wendepunkt in der Geschichte der polnischen Diaristik. Bis heute gelten seine vielperspektivischen Aufzeichnungen als das unerreichte, vielleicht auch unerreichbare Beispiel eines Plädoyers für intellektuelle Freiheit.
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Andrzej Bobkowski
Andrzej Bobkowski PR

Kein Text hat in Polen die Gattung der Diaristik so sehr geprägt wie Andrzej Bobkowskis Kriegsmemoiren ʺSzkice piórkiemʺ. Neben den Tagebüchern von Witold Gombrowicz und Gustaw Herling-Grudziński zählen sie zu den eindrucksvollsten Klassikern polnischer Exilliteratur. Dass über 60 Jahre nach dem Tod Bobkowskis dieses Buch immer noch die jüngere Leserschaft erreicht, zeugt nicht nur von seiner Qualität, sondern auch vom Kultstatus eines Autors, der seiner Zeit meilenweit voraus war.

Bobkowskis Tagebuch, das 2001 ebenfalls dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht wurde, ist eine spannende Bestandsaufnahme der Situation im besetzten Frankreich der 1940er Jahre. Mit erzählerischer Wucht und einem denkbar unsentimentalen Blick beschreibt der Diarist Alltägliches, um dann wieder mit essayistischen Einschüben zum Denken anzuregen. ʺSeine Memoiren gleichen vielmehr einem Roman, denn einer Chronik. Bobkowskis Berichte über menschliche Schicksale und politische Ereignisse, seine Begegnungen mit Polen, Franzosen sowie den deutschen Okkupanten verdichten sich wie in einem literarischen Reagenzglasʺ - so der Krakauer Publizist Maciej Nowak.

Ähnlich wie dessen Landsmann Gombrowicz reflektiert Bobkowski im Ausland seine polnische Herkunft. Aus deutscher Sicht ist er allerdings weitaus interessanter als der berühmte Romancier aus Małoszyce und verdient deshalb ohne Zweifel mehr Anerkennung als man ihm hierzulande angedeihen ließ.

Bobkowski wurde 1913 unweit von Wien geboren, sprach ausgezeichnet deutsch. Sein Vater war ein hochdekorierter Armeegeneral, dessen Beruf zwar der Familie Prestige brachte, sie jedoch auch zu zahlreichen Wohnortswechseln zwang. Im freien Polen besuchte Andrzej Bobkowski ein Gymnasium in Toruń, das damals zur Hauptstadt Pommerns avancierte. Später studierte er in Warschau Wirtschaftswissenschaften und arbeitete in einem südpolnischen Bergbauunternehmen. ʺBobkowski war in der polnischen Literaturgeschichte ein Ausnahmefall, denn er verfügte neben seinen künstlerischen Talenten auch über einen ausgeprägten Geschäftssinn und ökonomischen Sachverstandʺ - sagt der Philologe Andrzej Sulikowski.

Im März 1939 emigrierte Bobkowski mit seiner Frau nach Frankreich, wo er sich in Châtillon niederließ. Der Paris-Aufenthalt sollte eigentlich nur wenige Wochen dauern. Nach Erhalt eines Visums wollte das Ehepaar weiter nach Argentinien reisen. Der angehende Schriftsteller hatte bereits zuvor in Buenos Aires eine Beschäftigung in einer polnischen Exportfirma gefunden. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte diese Pläne zunichte. Bobkowski blieb in Frankreich und versuchte, sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Als ausgewiesener Wirtschaftsfachmann erkannte er die Vorzüge einer eigenen Firma, musste sie jedoch bald schließen. Der Versuch, sich den Polnischen Streitkräften im Westen anzuschließen, schlug fehl. Bobkowski arbeitete eine Zeit lang in einer Munitionsfabrik unweit der französischen Hauptstadt. Anschließend setzte er sich im Pariser Biuro Polskie für die Interessen der polnischen Arbeiter ein.

Als im Juni 1940 die deutsche Wehrmacht Frankreich überfiel, begab sich Bobkowski in den noch verhältnismäßig sicheren Süden des Landes. Den größten Teil der Strecke legte er auf dem Fahrrad zurück. Genau in dieser Zeit entstanden die vortrefflichen Notizen ʺSzkice piórkiemʺ. Einzigartig macht das Buch die Mischung aus Dokumentarischem und Poetischem, genauso wie die lebensbejahenden Gesten des Autors, die er sich trotz der dramatischen Situation in Europa nicht nehmen lässt. Nach dem Krieg wieder in Paris angekommen, musste Bobkowski mit bitterer Enttäuschung beobachten, wie französische Intellektuelle weiterhin an der marxistisch-leninistischen Doktrin festhielten und mit ihrem teuren Wein völlig unbekümmert die Internationale anstimmten. Im Jahr 1948 fasste er den Entschluss, das vom Kommunismus und geistiger Lähmung bedrohte Europa zu verlassen und nach Guatemala auszuwandern.

Dort versuchte Bobkowski ein Leben zu führen, das ihn weder mit intellektuellen Zwängen, noch mit irgendwelchen politischen Machtspielen in Verbindung gebracht hätte. In Mittel- und Südamerika gelangte er zu einer gewissen Bekanntheit, doch nicht als Schriftsteller, sondern als Modellflugzeugbauer und Inhaber eines Hobbygeschäfts. Seine anfängliche Auslandseuphorie, gepaart mit einer kritischen Einstellung zu den Zuständen in der Volksrepublik Polen, bewog ihn aber bisweilen noch dazu, publizistisch und literarisch Stellung zu beziehen. Seinen Freunden und den ʺKulturaʺ-Redakteuren Józef Czapski und Jerzy Gierdroyc ist es schließlich zu verdanken, dass Bobkowski gelegentlich noch zur Feder griff und seiner brillanten Urteilsfähigkeit Ausdruck verlieh.

Die besagten Kriegsmemoiren haben einen Markstein in der Geschichte der polnischen Diaristik gesetzt. In ihrer Themenvielfalt und Komplexität sind ʺSzkice piórkiemʺ durchaus mit den Tagebüchern von Witold Gombrowicz vergleichbar. Auch die Lebenswege der beiden polnischen Autoren waren nicht unähnlich, stellten sie doch auch in der lateinamerikanischen Wirklichkeit eine Bandbreite an schriftstellerischem Können zur Schau, wie man es nur selten findet.

Während Gombrowicz aber eher philosophisch interessiert auftrat und mit feinem Humor die Leser überzeugte, beeindruckte Bobkowski darüber hinaus mit analytischer Schärfe und politischem Engagement. So schrieb er regelmäßig Kolumnen für die Londoner Zeitschrift ʺWiadomościʺ und war u.a. Mitglied der patriotischen Exilvereinigung ʺPolski Ruch Wolnościowy Niepodległość i Demokracjaʺ. ʺAuch wenn er es wahrscheinlich selbst nicht wollte, hatte Andrzej Bobkowski das Zeug dazu, weltberühmt zu werden, denn seine Schriften sind ein kanonisches Beispiel für eine gelungene Synthese aus universellem Anspruch und nationaler Identität. Es steht außer Frage, dass er sehr begabt war, doch er war vor allem auch eines: unabhängigʺ - meint der Bobkowski-Kenner Stanisław Stabro.

Aus Berlin, Wojciech Osiński