Streit um kritische Reportage zur Haltung von Papst Johannes Paul II. zu Missbrauchsfällen in der Kirche. Der Sejm hat gestern einen Beschluss verabschiedet, in dem er “entschieden die mediale, schändliche Hexenjagd verurteilt”, die “in hohem Maße auf Beweismaterial des Sicherheitsdienstes der Volksrepublik Polen beruhen” und deren Ziel “der Große Papst ist - der heilige Johannes Paul II, der herausragendste Pole in der Geschichte”.
Für den Beschluss haben 271 Abgeordnete gestimmt, 43 waren dagegen, 4 haben sich der Stimme enthalten. Zudem ist gestern auch US-Botschafter Mark Brzezinski ins Außenministerium einbestellt worden. Offiziell war dabei zuerst von einer Einbestellung, anschließend von einer “Einladung” die Rede.
Hintergrund: In der Reportage “Franciszkańska 3” hatte der zum amerikanischen Discovery gehörende private Fernsehsender TVN über Fakten aus dem Leben von Karol Wojtyla aus den Zeiten vor seiner Wahl zum Papst berichtet. In der Reportage kommen Opfer von Priestern zu Wort, die noch in den 60. Jahren Kardinal Wojtyla untergeordnet waren. Als Grundlage für den Bericht, so TVN, haben auch kirchliche Dokumente gedient, die die Handlungen und Unterlassungen von Wojtyła offenlegen.
Geht es nach Vize-Kulturminister Jarosław Sellin, würden diejenigen, die den polnischen Papst angreifen, aus Hass gegenüber den eigenen Werten handeln. “Diejenigen, die den polnischen Papst angreifen, versuchen die Wurzel der Bedeutung Polens herauszureißen, die die Persönlichkeit und das Erbe von Johannes Paul II. darstellen", so Sellin.
Geht es indes nach dem ehemaligen polnischen Staatspräsidenten Aleksander Kwaśniewski, sei der Sejm-Beschluss ein “Missverständnis”, denn in solchen Fragen sollte der Sejm keine Beschlüsse verabschieden. Die ganze Situation zeige die “polnische Tendenz zur Übertreibung”. Es habe eine Zeit gegeben, in der man Johannes Paul II. auf übertriebene Weise gehuldigt habe. Auch die heutige Kritik sei übertrieben. “All das sollte mit großer Genauigkeit überprüft werden, die Kirchenarchive sollten geöffnet werden, damit die Urteile der Forscher und Historiker so gut belegt sind, wie nur möglich. Und dann werden wir ein vollständiges Bild haben, so Kwaśniewski.
IAR/TVN/adn