Unter dem Titel „Der Zweite Weltkrieg und die deutsche Besatzung in Polen: Erinnerung in Polen und in Deutschland“ diskutierten Experten und Vertreter öffentlicher Institutionen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Umgang mit der NS-Vergangenheit.
„Für Polen ist der Zweite Weltkrieg mit dem Verlust von über fünf Millionen Bürgerinnen und Bürgern verbunden – darunter etwa drei Millionen polnische Jüdinnen und Juden sowie über zwei Millionen Polinnen und Polen“, sagte Rafał Sobczak, Direktor des Polnischen Instituts. „Bis heute sind diese Erfahrungen ein zentraler Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses unseres Landes. In Deutschland hingegen steht die Erinnerung an die Shoah im Mittelpunkt.“
Die Historiker Prof. Robert Traba (Polnische Akademie der Wissenschaften), Prof. Anke Hilbrenner (Heinrich-Heine-Universität) und Prof. Peter Oliver Loew (Deutsches Polen-Institut) sprachen über die sogenannte „Polyphonie der Erinnerung“. Laut Traba existierten in Polen und Deutschland unterschiedliche, teils konkurrierende Erinnerungen an dieselben historischen Ereignisse.
Hilbrenner verwies auf den US-Historiker Timothy Snyder: „Es ist einfacher, sich mit Opfern aus dem näheren Umfeld zu identifizieren – mit der Familie, der eigenen Stadt oder dem eigenen Land.“
Prof. Loew kritisierte, dass die deutsche Besatzung Polens in Deutschland lange Zeit kaum thematisiert worden sei. „Bis heute nimmt sie nur wenig Raum im deutschen historischen Bewusstsein ein“, sagte Loew. In Polen hingegen sei die Zeit von 1939 bis 1945 tief in der kollektiven Erinnerung verankert.
Unterschiede gebe es auch bei Denkmälern. In Polen überwiege eine figurative, symbolische Darstellung – wie etwa beim Denkmal des Warschauer Aufstands –, während deutsche Mahnmale, wie das Holocaust-Mahnmal in Berlin, stärker abstrakt seien.
Ein weiteres Thema war der Umgang mit Falschinformationen in sozialen Medien. „Das ist ein ernstzunehmendes Problem“, sagte Hilbrenner. An ihrem Lehrstuhl entstehe derzeit ein Studiengang, der sich mit diesem Phänomen befasse. Gleichzeitig betonten die Diskutanten, dass digitale Medien auch Chancen böten, um historische Inhalte zeitgemäß zu vermitteln.
Zum Abschluss erklärte Institutsleiter Sobczak: „Unterschiedliche Erinnerungskulturen können zu Missverständnissen führen, aber sie bieten auch die Chance, voneinander zu lernen und ein tieferes gegenseitiges Verständnis zu erreichen – auch in den deutsch-polnischen Beziehungen.“
PID/presse/jc