Die konservativ-liberale Rzeczpospolita widmet sich dem amerikanischen Angriff auf Venezuela. Jędrzej Bielecki beschreibt, wie die Bilder aus der venezolanischen Hauptstadt am frühen Samstagmorgen an die ersten Stunden vieler anderer Kriege unserer Zeit erinnerten. Die Amerikaner hätten versucht, strategische Objekte von militärischer Bedeutung in Caracas und Umgebung zu zerstören: die Militärbasis Fuerte Tiuna, den Flughafen Higuerote, die Luftwaffenbasis Generalissimo Francisco de Miranda. Offensichtlich solle es sich um eine chirurgische Operation handeln, die zum schnellen Sturz des Regimes von Nicolás Maduro führen werde.
Vieles spreche dafür, dass dies gelingen könne, so der Autor. Das bis ins Mark korrupte Regime habe ein Land mit den größten Ölreserven der Welt in extreme Armut gestürzt. Jeder dritte Einwohner Venezuelas habe beschlossen, unter diesen Umständen seine Heimat zu verlassen -- ein Rekordausmaß an Migration in Friedenszeiten. Bei den gefälschten Präsidentschaftswahlen im Sommer 2024 habe höchstwahrscheinlich der formelle Oppositionskandidat Edmundo González Urrutia einen überwältigenden Sieg errungen. María Corina Machado, die eigentliche Anführerin der demokratischen Bewegung, sei mit amerikanischer Hilfe aus dem Land entkommen, um den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen, und stehe bereit, mit dem Segen Amerikas die Macht zu übernehmen.
Sollte Trumps Plan gelingen, wäre dies sein größter Erfolg in seiner gesamten politischen Karriere, lesen wir weiter. Gemäß der frisch veröffentlichten neuen Nationalen Strategischen Doktrin gebe es für Washington heute keine wichtigere Region der Welt als Lateinamerika. Die Übernahme der Kontrolle über Venezuela würde einen entscheidenden Schritt zur Verdrängung Chinas und Russlands aus dieser Weltregion bedeuten. Es würde auch eine völlig neue Kartenmischung auf dem globalen Energiemarkt bedeuten und Putin einen entscheidenden Trumpf im Krieg gegen die Ukraine nehmen.
Doch Amerika kenne auch ganz andere Szenarien, warnt Bielecki. Die Interventionen in Vietnam, Afghanistan oder dem Irak hätten schnell und erfolgreich sein sollen. Geendet habe es mit jahrelangen, äußerst kostspieligen Kämpfen. Der Angriff auf Bagdad im März 2003 habe letztlich die Periode beendet, in der auf der Welt die Pax Americana galt.
Auch diesmal könne es ähnlich sein. Die antiamerikanischen Stimmungen in Lateinamerika seien sehr stark -- eine Folge jahrzehntelanger Unterstützung autoritärer Führer durch Washington und der rücksichtslosen Ausbeutung der dortigen Rohstoffe. Trump verbinde die Intervention in Venezuela mit dem Kampf gegen den Drogenschmuggel. Doch die USA führten seit über einem halben Jahrhundert den War on Drugs und hätten ihn im Wesentlichen verloren. Allein in Mexiko seien deshalb fast eine halbe Million Menschen ums Leben gekommen, und dennoch sei die Macht der Drogenkartelle nie größer gewesen.
Ein sich hinziehender Konflikt in Venezuela wäre eine fatale Nachricht für die Ukraine, Europa und Polen, betont der Autor. Es würde bedeuten, dass Washington sich endgültig aus der Unterstützung des Kampfes gegen den russischen Imperialismus zurückziehe.
Trump sei weder 2016 noch 2020 ohne die Unterstützung eines erheblichen Teils der 70 Millionen Latinos an die Macht gekommen, gibt Bielecki zu bedenken. Würden sie sich nun im Falle anhaltender Kämpfe mit Venezuela solidarisieren? Wie würden sie auf drastische Bilder aus dem Land reagieren, aus dem viele von ihnen stammten? Und würde sich dann nicht die Mehrheit seiner weißen Anhänger von Trump abwenden, die auf eine Rückkehr zum Isolationismus in Amerika gehofft hätten?
„Trump kann in Venezuela triumphieren. Aber er kann seine Entscheidung auch sehr bereuen", so Jędrzej Bielecki in der Rzeczpospolita.
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