Deutsche Redaktion

Iran – Demokratie oder Chaos?

12.01.2026 11:10
Russlands Traum ist es, dass der Iran die US-Streitkräfte in der Region angreift, so dass Amerika zu einer solchen Antwort gezwungen wären, die seine Streitkräfte in der Region binden, schreibt der Analytiker Witold Repetowicz in seinem Kommentar für den Auslandsdienst des Polnischen Rundfunks.
Protestujący gestem daje znak pokoju, biorąc udział w demonstracji pod hasłem Stań z Iranem  Stań za wolnością na rzecz ogólnokrajowych protestów w Iranie, przy Bramie Brandenburskiej w Berlinie, Niemcy, 11 stycznia 2026 r.
Protestujący gestem daje znak pokoju, biorąc udział w demonstracji pod hasłem „Stań z Iranem – Stań za wolnością” na rzecz ogólnokrajowych protestów w Iranie, przy Bramie Brandenburskiej w Berlinie, Niemcy, 11 stycznia 2026 r.REUTERS/Lisi Niesner

Es steht außer Zweifel, dass die Mehrheit der Iraner einen Systemwechsel und eine Öffnung des Iran für die Zusammenarbeit mit dem Westen wünscht. Das Problem ist, dass die Entstehung eines freien und demokratischen Iran als Ergebnis der gegenwärtigen Proteste vorerst sehr zweifelhaft ist (wenn auch nicht unmöglich). Dies wäre eine Niederlage für Russland und China. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Iran im Chaos versinkt, wovon Russland sicherlich profitieren möchte, während China davon deutlich weniger betroffen wäre. Es sind auch andere, negativere Szenarien möglich, die für Russland von Vorteil sind.

Einseitiges Bündnis mit Moskau

Die Iraner, einschließlich eines großen Teils der herrschenden Eliten und Anhänger der Islamischen Republik, haben Russland nie geliebt, und derzeit haben sie noch weniger Gründe dafür. Historisch wird Russland im Iran mit dem Vertrag von Turkmantschai assoziiert, der in die Sprache der iranischen Politik als Synonym für Demütigung eingegangen ist. Der Iran verlor damals die Kontrolle über den Südkaukasus, wo Russland nach dem Ersten Weltkrieg, nun bereits bolschewistisch, einen Staat namens Aserbaidschan schuf. Auf diese Weise wollte es Ansprüche auf das historische Aserbaidschan erheben, das Teil des Iran war. Die Bolschewiki versuchten damals, das Chaos im Iran ausnutzend, die Macht zu übernehmen, und in den Jahren 1941-1946 besetzte die UdSSR sogar die Hälfte des Iran.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass der Gründer der Islamischen Republik, Ruhollah Chomeini, die UdSSR als denselben Satan wie die USA betrachtete. Der Wendepunkt in den Beziehungen zu Russland kam erst über 10 Jahre nach seinem Tod und war das Ergebnis der Isolation des Iran im Zusammenhang mit seinem Atomprogramm. Russland wurde zum Nutznießer der Sanktionen. Dadurch wurde ein Konkurrent auf dem Öl- und Gasmarkt ausgeschaltet, der doch bereit war, mit Europa (einschließlich Polen) zu handeln, als 2014 Sanktionen gegen Russland selbst verhängt wurden.

Das Image Russlands im Iran verschlechterte sich nach der vollumfänglichen Aggression Russlands gegen die Ukraine noch weiter. Die Behörden lebten hingegen in der Illusion eines Bündnisses mit Russland gegen die USA, wurden aber schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Islamische Republik gab Russland Drohnen, erhielt im Gegenzug nichts, insbesondere nicht das S-400-Verteidigungssystem und die SU-35-Flugzeuge, um die sie sich seit Jahren bemühte. Die Frustration des Regimes vertiefte sich durch Russlands Arrangements mit Israel hinter dem Rücken des Iran. Als der iranisch-israelische Krieg ausbrach, wurde klar, dass der Iran nicht nur keine Hilfe von Russland erhalten würde, sondern dass Russland an einer Eskalation interessiert ist. Am besten durch eine militärische Intervention der USA im Iran.

Von Zeit zu Zeit tauchen verschiedene aufgeblasene Informationen über „bahnbrechende" russische Unterstützung für den Iran auf, z.B. über die Lieferung von Iskandern. All dies soll nur die Atmosphäre anheizen und zur Konfrontation führen. Russlands Traum ist es, dass der Iran die US-Streitkräfte in der Region angreift, so dass die USA zu einer solchen Antwort gezwungen wären, die die USA letztendlich zu einer Invasion des Iran zwingen könnte. Russland fürchtet dies nicht, weil es erwartet, dass das Ergebnis Chaos sein wird und die Bindung der US-Kräfte so stark, dass Europa und der Pazifik völlig ungeschützt für aggressive Aktionen Moskaus und Pekings bleiben.

Demokratie oder Chaos?

Bisher ist nicht erkennbar, dass Donald Trump an den Erfolg der Proteste glaubt. Wäre es anders, sollte er bei der Bildung einer breiten Oppositionskoalition helfen, die in einer Übergangszeit die Macht übernehmen würde, um Wahlen durchzuführen. Allerdings glaubt Trump wahrscheinlich nicht an die Demokratie im Iran und würde es vorziehen, sich mit dem gegenwärtigen Regime zu einigen. Die USA müssen sich nämlich bewusst sein, dass die Einsetzung des Sohnes des letzten Schahs, Reza Pahlavi, in Teheran ohne amerikanische Unterstützung nicht lange überleben würde.

Das Ergebnis der Luftangriffe ist ebenfalls ungewiss. Denn es lohnt sich daran zu erinnern, dass Zweifel an der Wirksamkeit der amerikanischen Bombardierungen iranischer nuklearer Anlagen im letzten Jahr geblieben sind. Und selbst wenn es den USA gelingen sollte, ein Attentat auf den iranischen Obersten Führer Ali Chamenei und sein engeres Umfeld sowie die Zerstörung eines Teils des militärischen Potenzials des Iran durchzuführen, würde sich die Frage stellen: Was dann? Das Regime könnte verzweifelte Schritte unternehmen, die eine unvorhersehbare Eskalation bewirken, und vom Fall der Islamischen Republik werden kurdische und ahwasische Separatisten, beludschische Dschihadisten, ISIS (die ebenfalls ihre Leute im Iran haben) profitieren wollen. Wer wird darüber die Kontrolle erlangen? Reza Pahlavi, dessen gesamte Lebenserfahrung sich auf ein Luxusleben in den USA mit aus dem Iran mitgenommenem Geld beschränkt? Trump ist sich dessen bewusst und ist vielleicht deshalb vorerst vorsichtig. Vielleicht hofft er, dass das vom Untergang erschreckte Regime sein Angebot annehmen und einen Kompromiss mit den USA eingehen wird? Dies wäre natürlich eine Niederlage für Russland und China. Aber für die nach echter Demokratie strebenden protestierenden Iraner wäre ihr bisher vergossenes Blut umsonst gewesen.

Über den Autor: 

Witold Repetowicz (geb. 1975) ist Jurist, Journalist und Kriegsberichterstatter. Er promovierte an der Kriegsakademie (Akademia Sztuki Wojennej), wo er als Dozent tätig ist. Als Experte für den Nahen Osten, Geopolitik und Terrorismus arbeitet er mit der Casimir-Pulaski-Stiftung und Defence24.pl zusammen. Er ist Autor zahlreicher Reportagen aus dem Nahen Osten und Afrika sowie mehrerer Bücher, darunter „Nazywam się Kurdystan" (Mein Name ist Kurdistan) und „Etnosektarianizm i trybalizm w Iraku" (Ethnosektarismus und Tribalismus im Irak). 2017 wurde er vom syrischen Militärgeheimdienst inhaftiert. Für seine journalistische Arbeit erhielt er mehrere Auszeichnungen, darunter den Preis des Polnischen Journalistenverbandes.

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