Polen verzeichnet seit mehreren Jahren ein dynamisches Wachstum und zählt inzwischen zu den weltweit 20 größten Volkswirtschaften. Die konjunkturelle Entwicklung verlaufe weiterhin „äußerst günstig“, heißt es in dem Bericht. So sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Polens im Jahr 2024 um drei Prozent gewachsen, für das vergangene Jahr erwarteten Ökonomen sogar ein Plus von 3,5 Prozent. Auch die Europäische Kommission gehe für 2026 von einem vergleichbaren Wachstum aus.
Internationaler Währungsfonds: Polen gehört zu den Wachstumsmotoren Europas
Die FAZ verweist zudem auf die Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Demnach bleibe das Entwicklungstempo Polens stark. „Das BIP-Wachstum gehört zu den schnellsten in Europa“, wird der IWF zitiert.
Auch die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche würdigte die Entwicklung des Nachbarlandes. „Wir können uns an Polen ein Beispiel nehmen“, sagte sie laut Zeitung.
Handelsvolumen wächst deutlich
Die wirtschaftliche Nähe zwischen beiden Ländern spiegelt sich zunehmend auch in den Handelszahlen wider. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Polen lag 2024 bei fast 171 Milliarden Euro und sei nach vorläufigen Schätzungen im vergangenen Jahr „besonders stark gestiegen“.
Bemerkenswert sei zudem, dass Polen im Oktober 2024 China als Empfänger deutscher Waren überholt habe, erinnert die Zeitung. Zwar liege China im gesamten Handelsbilanzvolumen weiterhin vor Polen, doch Warschau „verringert stetig den Abstand“.
Polen könnte Frankreich verdrängen
Derzeit ist Polen bereits der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands – hinter den USA, China, den Niederlanden und Frankreich. Beim EU-Beitritt 2004 hatte Polen noch nicht einmal zu den zehn wichtigsten Partnern gehört.
Nach Einschätzung von Philipp Haussmann, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, könnte sich das bald ändern. Polen werde Frankreich „wahrscheinlich vom vierten Platz verdrängen“, sagte Haussmann der FAZ.
Im Jahr 2025 betrug der Vorsprung Frankreichs gegenüber Polen lediglich 4,8 Milliarden Euro. Angesichts des erwarteten schwachen Wachstums der französischen Wirtschaft könne Polen bald vorbeiziehen.
Nach Berechnungen der Bundesagentur für Außenwirtschaft (GTAI) belief sich der Handelsumsatz Frankreichs mit Deutschland im vergangenen Jahr auf 185 Milliarden Euro, der Polens auf 180,2 Milliarden Euro.
Gründe für Polens Aufschwung
Als Ursachen für die starke Entwicklung nennt die FAZ unter anderem eine robuste Binnennachfrage, gestiegene Löhne sowie sinkende Zinsen, die sowohl Konsum als auch Investitionen stützten. Hinzu kämen umfangreiche Staatsausgaben, darunter auch erhebliche Mittel für den Verteidigungssektor.
Die Staatsverschuldung liege bei rund 60 Prozent und sei damit im internationalen Vergleich relativ niedrig, betont die Zeitung.
Großprojekte und Infrastrukturboom
In den kommenden Jahren dürfte Polen zudem stark in Infrastruktur investieren. Unter Berufung auf die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer berichtet die FAZ, dass große Projekte in den Bereichen Straßenbau, Schienenverkehr, Flughäfen sowie digitale Infrastruktur geplant seien.
Parallel dazu stehe eine umfassende Energiewende bevor: Der Ausstieg aus der Kohle solle durch den Ausbau von Atomenergie und erneuerbaren Energien ersetzt werden.
Zentralflughafen als Symbolprojekt
Als besonders herausragendes Vorhaben nennt die Zeitung den geplanten Zentralen Verkehrsknotenpunkt (Centralny Port Komunikacyjny, CPK). An Ausschreibungen für den Terminalbau beteiligt sich unter anderem der deutsche Baukonzern Hochtief.
Den Auftrag für das Gepäckfördersystem habe bereits Vanderlande Logistics aus Nürnberg erhalten. Siemens Mobility könnte sich zudem um den Bau von 20 Hochgeschwindigkeitszügen bewerben.
„Polen wird zu einem Schlüsselpartner“
Während Frankreich mit strukturellen Problemen kämpfe, werde Polen zunehmend zu einem gleichwertigen Partner der deutschen Wirtschaft. „Polen wird zu einem Schlüsselpartner Deutschlands“, erklärte Haussmann. Unabhängig vom Handelsvolumen sei Polen inzwischen auch ein „innovationsstarker Partner auf Augenhöhe“.
Die Zeitung verweist zudem darauf, dass deutsche Unternehmen ihre Produktion immer häufiger nach Polen verlagerten. Genannt werden etwa Miele, Knorr-Bremse sowie zahlreiche Zulieferer aus der Automobilindustrie.
Haussmann sieht darin auch eine Chance für Europa: Deutschland und Polen könnten gemeinsam dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu stärken.
dziennik/jc