Deutsche Redaktion

Kommentar: Warum Vance’ Besuch im Kaukasus geopolitisch schwer wiegt

16.02.2026 10:57
Auf den ersten Blick sah es nach diplomatischer Routine aus. Zwei Länder, zwei Dokumente, zwei Fototermine. Würde man den Erfolg einer offiziellen Reise an der Zahl der unterzeichneten Vereinbarungen messen, wäre der Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance am 9. und 10. Februar in Armenien und Aserbaidschan kaum der Rede wert gewesen. Und doch war er politisch alles andere als Routine. Ein Kommentar vom Kaukasus-Experten Wojciech Górecki. 
Wiceprezydent USA J.D. Vance spotyka się z prezydentem Azerbejdżanu Ilhamem Alijewem w rezydencji prezydenckiej Zagulba w Baku
Wiceprezydent USA J.D. Vance spotyka się z prezydentem Azerbejdżanu Ilhamem Alijewem w rezydencji prezydenckiej Zagulba w Bakureuters

In Eriwan unterzeichnete Vance gemeinsam mit Premierminister Nikol Paschinjan ein Abkommen zur Zusammenarbeit im Bereich der Kernenergie. In Baku besiegelte er mit Präsident Ilham Alijew eine Charta über eine strategische Partnerschaft zwischen den USA und Aserbaidschan. Zwei Dokumente – aber mit Signalwirkung. Zumal es sich für beide Staaten um den ersten Besuch eines US-Politikers dieses Ranges handelte.

Energie als geopolitischer Hebel

Besonders das Abkommen mit Armenien hat strategische Tiefe. Es öffnet die Tür für amerikanische Investitionen in einen Sektor, der bislang faktisch von Russland kontrolliert wird. Das Kernkraftwerk Metsamor soll 2036 abgeschaltet werden, ein neuer Reaktor ist geplant. Bislang ist der russische Konzern Rosatom Betreiber der Anlage und Lieferant des Brennstoffs – und hoffte auf einen Folgeauftrag.

Premier Paschinjan versuchte zwar, Moskau nicht offen zu provozieren, indem er eine Verlängerung des Betriebs von Metsamor um zehn Jahre ins Spiel brachte. Doch die zeitliche Abfolge ist bemerkenswert: Erst nachdem Vance angekündigt hatte, die USA seien bereit, neun Milliarden Dollar in armenische Nuklearprojekte zu investieren, fiel diese Bemerkung. Es ist schwer vorstellbar, dass Eriwan freiwillig auf eine derart massive Finanzspritze verzichten würde.

Hier geht es nicht nur um Energie. Es geht um Einfluss.

Strategische Partnerschaft – mehr als schöne Worte?

Die mit Aserbaidschan unterzeichnete „Charta über eine strategische Partnerschaft“ klingt ambitioniert. Sie spricht von regionalen Verkehrswegen, Transportinfrastruktur, Handelsverbindungen, Zusammenarbeit in Sicherheits- und Verteidigungsfragen sowie Terrorismusbekämpfung. Vieles davon wirkt zunächst wie diplomatische Standardrhetorik.

Doch entscheidend ist ein Detail: Die Einrichtung von Arbeitsgruppen, die binnen drei Monaten konkrete Projekte und Umsetzungspläne vorlegen sollen. Das deutet darauf hin, dass Washington es ernst meint.

Zumal die USA bereits vor über einem Jahr – in den letzten Tagen der Präsidentschaft Joe Bidens – eine ähnliche Vereinbarung mit Armenien unterzeichnet hatten. Das amerikanische Interesse am Südkaukasus wächst kontinuierlich. Und das zu einem Zeitpunkt, in dem die strategische Partnerschaft mit Georgien faktisch auf Eis liegt, weil sich Tiflis politisch vom Westen entfernt.

TRIPP: Infrastruktur als Friedensprojekt – und Machtinstrument

Noch bedeutsamer als die Dokumente selbst ist jedoch das Projekt TRIPP – „Trump Route for International Peace and Prosperity“. Hinter dem markanten Akronym verbirgt sich ein Infrastrukturkorridor, der Aserbaidschan über armenisches Territorium mit seiner Exklave Nachitschewan und weiter mit der Türkei verbinden soll.

Diese Route ist seit über drei Jahrzehnten blockiert – eine Folge des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts. Die Frage ihrer künftigen Kontrolle war bis vor Kurzem einer der zentralen Streitpunkte zwischen Baku und Eriwan: Aserbaidschan favorisierte einen faktisch extraterritorialen Korridor, Armenien bestand auf seiner Souveränität.

Die nun vereinbarte Lösung – verwaltet von einem im Januar gegründeten amerikanisch-armenischen Unternehmen mit einer Laufzeit von 99 Jahren – ist ein politischer Kompromiss mit klarer amerikanischer Handschrift.

Erstmals öffentlich wurde TRIPP im August 2025, als Präsident Trump, Präsident Alijew und Premier Paschinjan in Washington eine Erklärung unterzeichneten, die faktisch einen Zustand des Friedens im Kaukasus etablierte. De iure ist dieser Frieden noch nicht besiegelt. Doch beide Staaten erkannten ihre Grenzen an und bekannten sich zur Öffnung der Verkehrswege.

Trump gelang damit, woran sich weder die EU noch Russland erfolgreich versucht hatten – sofern Moskau überhaupt ein echtes Interesse an einer endgültigen Lösung hatte. Die Verwaltung von Krisen gehört seit jeher zu seinen bevorzugten Instrumenten der Einflussnahme.

Neue Machtachsen im Südkaukasus

Mit TRIPP entsteht mehr als nur eine Verkehrsverbindung. Entlang der armenisch-iranischen Grenze – also in einer besonders sensiblen Zone – wird amerikanische Präsenz Realität. Washington erhöht damit den Druck auf Teheran und stärkt zugleich die Position der Türkei, die eine direkte Landverbindung zu ihrem aserbaidschanischen Verbündeten erhält.

Für Russland bedeutet das eine schleichende Erosion seines Einflusses. Zwar verfügt Moskau weiterhin über erhebliche Hebel – die Militärbasis in Gjumri, wirtschaftliche Beteiligungen, Netzwerke in der Armenischen Apostolischen Kirche. Doch das strategische Monopol ist gebrochen.

Ein Signal mit Langzeitwirkung

Der geopolitische Wettbewerb im Kaukasus ist damit keineswegs entschieden. Unklar bleibt etwa, ob Georgien zu einem klar proeuropäischen Kurs zurückfinden wird.

Eines jedoch hat der Besuch von J.D. Vance deutlich gemacht: Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, im Südkaukasus eine aktivere Rolle zu spielen.

Zwei Dokumente mögen auf dem Papier wenig erscheinen. Politisch jedoch markieren sie eine neue Phase amerikanischer Präsenz in einer Region, die lange als Randzone globaler Machtpolitik galt – und nun wieder in deren Zentrum rückt.


Autor: Wojciech Górecki

Wojciech Górecki (geb. 1970) ist Historiker, preisgekrönter Reporter und einer der führenden polnischen Experten für den Kaukasus und Zentralasien. Er ist als Senior-Analyst am Zentrum für Oststudien (OSW) in Warschau tätig und blickt auf eine langjährige Erfahrung im diplomatischen Dienst zurück, unter anderem als Rat an der polnischen Botschaft in Baku (2002–2007). Górecki ist Autor der renommierten „Kaukasischen Trilogie“ (Planeta Kaukaz, Toast za przodków, Abchazja) und wurde für seine Arbeit unter anderem für den Nike-Literaturpreis nominiert.

 

Kommentar: Georgien nach den Kommunalwahlen

17.10.2025 13:18
Die Kommunalwahlen am 4. Oktober haben in Georgien das Kräfteverhältnis eindeutig bestätigt: Die seit 13 Jahren regierende Partei Georgischer Traum (GT) erzielte einen überwältigenden Sieg. Landesweit erreichte sie fast 82 Prozent der Stimmen, in der Hauptstadt Tiflis immerhin 70 Prozent. Selbst wenn die Opposition über Unregelmäßigkeiten klagt, lässt sich schwer bestreiten, dass GT inzwischen zum unangefochtenen Hegemon geworden ist, schreibt Wojciech Górecki, Analyst am Zentrum für Osteuropastudien (OSW).

Kommentar: Von den „Stan-Ländern“ nach Washington: Zentralasien und Trump

14.11.2025 07:06
Die zentralasiatischen Staaten rücken seit dem russischen Angriff auf die Ukraine politisch enger zusammen und suchen neue außenpolitische Spielräume zwischen Russland, China, den USA und der EU. Beim jüngsten C5+USA-Gipfel in Washington vertieften sie ihre Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, die vor allem an kritischen Rohstoffen und einer Stärkung der Region gegenüber China interessiert sind. Ob daraus langfristig ein strategisches Bündnis entsteht, bleibt offen. Ein Kommentar von Wojciech Górecki, Analyst am Zentrum für Osteuropastudien (OSW).

"Russland kann kein Brot backen." Warum Trumps Dealmaker an Moskau scheitern

28.11.2025 12:44
Will Donald Trump wirklich Frieden in der Ukraine – oder provoziert er Moskau gezielt, damit der Krieg andauert? Und warum scheitern amerikanische Geschäftsleute, die im Nahen Osten mit ihrer Verhandlungstaktik Erfolge feierten, an Russland? Der Militärexperte Maciej Korowaj sieht Trump als kühlen Strategen, der die Russen „ausrupft", während der Politikwissenschaftler Witold Sokała erklärt, warum sich die Kreml-Eliten, anders als die Politiker in Nahost, nicht mit Geschäften ködern lassen. Mehr dazu in der Presseschau.

Kommentar: Georgien - Wasser und Feuer

06.12.2025 06:00
Am Montag, dem 1. Dezember, veröffentlichte die BBC auf ihrem YouTube-Kanal den Film „When Water Burns: The Fight for Georgia“ (Wenn Wasser brennt. Der Kampf um Georgien). Der Reportage zufolge war das Wasser aus den Wasserwerfern, die von der georgischen Polizei zur Auflösung der Proteste Ende 2024 eingesetzt wurden, mit Kamit (Brombenzylcyanid) versetzt – einem chemischen Kampfstoff, der von den Armeen Frankreichs und der USA während des Ersten Weltkriegs verwendet wurde.

Veränderungen in Ramzanistan? Bereitet sich Tschetschenien auf die Nachfolge vor?

14.01.2026 12:02
In den ersten Januartagen dieses Jahres ist es zu einer vielbeachteten Ernennung gekommen. Die politischen Szenarien für Tschetschenien analysiert der Kaukasus-Experte Wojciech Górecki in einem Feuilleton für den Auslandsdienst des Polnischen Rundfunks.