Der Krieg gegen den Iran hat die Welt auf den Weg in große Ungewissheit geführt. Optimisten glauben, dass nach dem Tod des Obersten Führers Ali Chamenei das Machtsystem der Islamischen Republik zusammenbrechen wird, und dass der seit Monaten als Oppositionsführer aufgebaute Reza Pahlavi die Macht übernehmen und im Iran eine Demokratie einführen wird. Doch bislang deutet nichts darauf hin.
Die Amerikaner konzentrierten sich auf militärische Vorbereitungen, vernachlässigten aber die Frage eines detaillierten Transitionsplans und den Aufbau einer breiten Oppositionsfront, die zumindest versuchen könnte, die Lage nach einem etwaigen Zusammenbruch der Islamischen Republik unter Kontrolle zu bringen. Im Fall der – auch von Trump – viel kritisierten Invasion des Irak im Jahr 2003 hatte die Bush-Regierung im Voraus eine Reihe von Treffen verschiedener Oppositionsgruppen organisiert, darunter Kurden, Schiiten und Sunniten. Aus verschiedenen Gründen garantierte das keinen reibungslosen Übergang, aber es gab zumindest einen Plan. Hier gibt es keinen.
Iran ist nicht Venezuela
Wenn Trump darauf gehofft hatte, dass sich im Fall des Iran das venezolanische Szenario wiederholen würde – also dass sich der Rest nach dem Abschneiden des Kopfes fügen würde – dann hat er sich sehr geirrt. Der Iran ist nicht Venezuela, und vieles deutet darauf hin, dass Chamenei damit gerechnet hatte, ein „Märtyrer" zu werden, und das System darauf vorbereitet hatte. Zudem hat der wichtigste US-Partner in diesem Krieg, nämlich Israel, durch kontrollierte Leaks – oder schlicht Desinformation – die Chancen der alten Pragmatiker-Riege um Personen wie Rouhani, Zarif oder Chatami geschmälert, die Macht zu übernehmen und neue Verhandlungen einzuleiten. Die Islamische Republik wird nicht von irrationalen Fanatikern geführt, aber es sind auch keine korrupten Opportunisten. Die Sepah, also das Iranische Korps der Islamischen Revolutionsgarden, wird das System bis zum Letzten verteidigen, und der Tod Chameneis wird für sie ein Antrieb zum eigenen „Martyrium" sein – einer Tradition, die im Schiitentum tief verwurzelt ist. Man kann davon ausgehen, dass dies übrigens der Plan des Obersten Führers war.
Die Annahme, dass massive Luftangriffe, die auf iranischer Seite zweifellos erhebliche Verluste verursachen werden, einen Sturz der Macht durch eine Revolution ermöglichen, ist ebenfalls riskant. Doch das ist im Moment die einzige Option, mit der die USA einen überzeugenden Sieg verkünden könnten. Die Alternative sind Verhandlungen – wenn auch nicht solche, wie Trump sie sich vorstellt. Denn wenn die Islamische Republik überlebt, und sei es noch so angeschlagen, dann gewinnt sie diesen Krieg. Das wäre ein globaler Imageschaden sowohl für Trump als auch für die USA, den Russland und China ausnutzen würden. Fraglich bleibt jedoch, ob ein Sturz der Teheraner Führung ohne den Einsatz von Bodentruppen überhaupt möglich ist – und kein Staat in der Region wird sich für eine solche Unternehmung zur Verfügung stellen wollen. Es sei dabei auch daran erinnert, dass die neue US-Strategie die Verbreitung von Demokratie nicht als außenpolitische Priorität vorsieht – und das gilt besonders für den Nahen Osten.
Abgesehen von der Mehrheit der Iraner liegt es niemandem an einem freien, demokratischen Iran
Abgesehen von der Mehrheit der Iraner liegt es niemandem im Nahen Osten am Herzen, einen freien, demokratischen und stabilen Iran zu haben. Ein demokratischer Erfolg wäre nämlich eine enorme Bedrohung für die autokratischen Monarchien der Arabischen Halbinsel, und Israel würde er keine Garantie einer dauerhaft iranfreundlichen Regierung bieten. Netanjahu ist kein Naivling – sein Ziel ist schlicht die Schwächung und Destabilisierung der Islamischen Republik. Ein autoritäres Regime unter Reza Pahlavi hingegen müsste sich auf externe Unterstützung stützen, um zu überleben.
Es bestand kein Zweifel daran, dass der Iran auf den Angriff mit massiven Schlägen gegen US-Ziele in der Region sowie gegen Saudi-Arabien reagieren würde – ein Land, das entgegen seinen offiziellen Erklärungen den Krieg befürwortet hatte. Gleichzeitig darf man bezweifeln, ob irgendeiner der arabischen Staaten eine nennenswerte militärische Reaktion gegen den Iran unternehmen wird. Denn keiner will sich stärker exponieren – vor allem ohne die Gewissheit, dass die Islamische Republik tatsächlich fällt.
Für Russland überwiegen die Vorteile
Für Russland hat die aktuelle Lage Vor- und Nachteile, wobei die Vorteile überwiegen. Eine Niederlage für Russland wäre der Zusammenbruch der Islamischen Republik – doch davon ist man noch weit entfernt. Russland braucht keine Drohnen mehr aus dem Iran, da es auf Basis der Shahed-Konstruktion eigene produziert. Und die Tatsache, dass Russland dem Iran die erhofften Su-24-Kampfflugzeuge und S-400-Luftabwehrsysteme nicht geliefert hat, zeigt: Für Russland ist der eigentliche Wert dieser Lage die Eskalation und das Chaos – um Washington in einen Sumpf im Nahen Osten hineinzuziehen. Russland könnte auch versuchen, Trump zu einem Deal zu überreden – im Austausch für einen angeblichen „Verzicht" auf Hilfe für den Iran. Man muss hoffen, dass die USA darauf nicht hereinfallen, denn Russland will dem Iran ohnehin keine militärische Hilfe leisten.
Witold Repetowicz, Geopolitikexperte, Polnische Akademie für Kriegskunst