RZECZPOSPOLITA: „Russland kündigt die Zerstörung Kijiws an"
Die NATO und vor allem die Nuklearmächte sollten viel entschiedener auf die neuesten russischen Drohungen gegenüber Kiew reagieren, schreibt Rusłan Szoszyn in seinem Kommentar für die konservativ-liberale Rzeczpospolita. Zu Beginn des Jahres 2022, erinnert Szoszyn, habe sich die Welt die Frage gestellt, ob es zu einem großen Krieg zwischen Russland und der Ukraine kommen werde. Mehr als vier Jahre nach Beginn des vollumfänglichen Krieges kündige Russland nun „systematische und konsequente Schläge" gegen militärische Objekte und Entscheidungszentren in Kijiw an. Moskau verschicke entsprechende Mitteilungen an alle Länder mit Botschaften in der ukrainischen Hauptstadt und rufe Ausländer auf, die Stadt zu verlassen.
Bemerkenswert sei, so der Autor, dass Putin nur den US-Präsidenten – und womöglich den chinesischen Staatschef bei dessen jüngstem Besuch in Peking – persönlich über seine Absichten informiert habe. Der russische Außenminister Siergiej Ławrow habe am Montag über US-Außenminister Marco Rubio eine Botschaft an Donald Trump übermittelt. Die Antwort sei nicht bekannt, da der Hausherr des Weißen Hauses – zumindest zum Zeitpunkt der Niederschrift des Kommentars – zu der Sache geschwiegen habe.
Die zentrale Frage laute nun, ob Russland Kijiw mit einer taktischen Atomwaffe treffen könne, schreibt Szoszyn. Mit Drohnen, ballistischen Raketen und Marschflugkörpern lasse sich weder die Ukraine noch die internationale Gemeinschaft noch überraschen. Der Autor verweist auf den stellvertretenden Kommandeur der ukrainischen Luftstreitkräfte, Oberst Pawło Jelizarow, der gegenüber der Ukraińska Prawda gewarnt habe, die ausländischen Partner Kijiws müssten ihre Reaktion auf einen möglichen Einsatz einer solchen Waffe schon jetzt klar bestimmen. „Wenn sie erst später beginnen, eine Entscheidung zu treffen, wird es bereits zu spät sein", wird Jelizarow zitiert.
Der Krieg, lesen wir weiter, laufe nicht nach Putins Plan. Ukrainische Drohnen zerstörten in Russland nicht nur Raffinerien, sondern entblößten auch Putins Hilflosigkeit. Selbst regierungsnahe Zentren verzeichneten einen Rückgang der Zustimmung zum Präsidenten, die Unzufriedenheit unter den Eliten wachse, und die Kriegskosten belasteten den Haushalt. In naher Zukunft könne Putin vor dem Dilemma stehen, den Krieg auf den gegenwärtigen Positionen zu beenden oder den Stillstand mit einer tödlichen Waffe zu durchbrechen – und dabei, wie einer seiner Vorgänger, dem Westen zu drohen, indem er „mit dem Schuh auf das Pult schlägt". Mit den russisch-belarusischen Atomübungen und den demonstrativen Schlägen mit Oriesznik-Raketen teste Russland die Reaktionen des Westens. Ob man wohl eine deutliche und eindeutige Antwort der Atommächte erleben werde, fragt Rusłan Szoszyn in der Rzeczpospolita.
GAZETA WYBORCZA: „Wir dürfen keine Talente verlieren"
Die linksliberale GAZETA WYBORCZA widmet sich in der heutigen Ausgabe indes ausführlich dem Wissenschaftlerprotest. In seinem Gastbeitrag für das Blatt argumentiert Prof. Piotr Sankowski – Informatiker, Physiker und Direktor des Forschungsinstituts IDEAS –, dass die Finanzierung der Wissenschaft als „Versicherungspolice" für das polnische Bruttoinlandsprodukt verstanden werden müsse.
Seit Jahren erreichten ihn Briefe polnischer Wissenschaftler mit immer derselben Frage: ausreisen oder nicht? Er verstehe diejenigen gut, die Polen verließen, denn die Chancen junger Forscher im Land seien mit jenen im Westen nicht zu vergleichen. Dies sei kein Vorwurf an die aktuelle oder die vorherige Regierung. Seit Beginn der Systemtransformation 1989 habe man nicht an die Entwicklung einer wissensbasierten Wirtschaft gedacht. Zur Erinnerung: 2005 hätten die Mittel für die Wissenschaft 1,27 Prozent des BIP betragen, im jüngsten Haushalt nur noch 1,02 Prozent – der niedrigste Anteil im 21. Jahrhundert.
Alles zerschlage sich an der Bürokratie, lesen wir. Innovative Forschung bestehe aus mehrjährigen Projekten mit hohem Risiko eines Fehlschlags, während die Verwaltung auf schnelle Effekte setze. Das Einwerben von Fördergeldern im Dickicht ständig wechselnder Anforderungen sei faktisch zu einer Vollzeitbeschäftigung geworden. Statt schwierige Forschungsprobleme zu lösen, teste man unentwegt die eigene Kreativität – etwa bei der Frage, wie ein Antrag zu formulieren sei, damit ihn die staatlichen Förderagenturen akzeptierten. Eine gewisse Hoffnung sei das Programm Innovate Poland nach dem Vorbild des französischen Plans Tibi, das öffentliches Kapital – unter anderem von der staatlichen Förderbank BGK (Bank Gospodarstwa Krajowego) – mit privatem Kapital verbinde, um innovative polnische Technologieunternehmen zu finanzieren.
Sankowski führt das Beispiel von ChatGPT an: Hinter dem Projekt von OpenAI hätten in erheblichem Maße Polen gestanden – er nennt unter anderem Wojciech Zaremba, Jakub Pachocki und Aleksander Mądry. Polen habe geniale Informatiker hervorgebracht, doch die Effekte ihrer Arbeit habe das Silicon Valley abgeschöpft, da sie im Land weder auf entsprechende Gehälter noch auf die nötige Rechenleistung hätten zählen können. Polnisches Talent verändere die Welt – nur würden die Gewinne in den US-Haushalt fließen. Immerhin kehrten inzwischen einige zurück, etwa an Sankowskis eigenes Institut, was beweise, dass sich der „brain drain" stoppen lasse, sofern man den Forschern ein angemessenes Umfeld biete. Das Entwicklungsmodell als billige „Werkbank Europas" erschöpfe sich gerade vor unseren Augen, warnt der Autor. Beginne Polen nicht, eigenes geistiges Eigentum zu schaffen, werde das Wirtschaftswachstum abbremsen, so Prof. Piotr Sankowski in der Gazeta Wyborcza.
MONEY.PL: „Zwölf bis achtzehn Monate – sonst landet Europa hinter Afrika"
Beim Wirtschaftsportal MONEY.PL knüpft ein Interview thematisch unmittelbar an Sankowskis Befund an. Der US-Technologieanalyst Dan Ives von Wedbush Securities, den das Portal am Rande der Konferenz Impact'26 in Posen befragt hat, warnt, Europa habe „zwölf bis achtzehn Monate" Zeit, um im globalen KI-Wettlauf den Anschluss zu sichern, andernfalls drohe es zurückzufallen.
Zu sagen, Europa sei überreguliert, sei eine Untertreibung, so der Analyst. Man bräuchte „ein Elektrowerkzeug industrieller Bauart", um die sich auftürmende Bürokratie zu durchschneiden. Wegen der Regulierung, des Datenschutzes und der Überregulierung töte Europa derzeit jedwede Innovation. Eine Menge Talente hätten den Kontinent zugunsten des Nahen Ostens, der USA und Asiens verlassen. Einzelne europäische Länder versuchten allerdings, sich als künftige KI-Führer zu etablieren – darunter Frankreich und Polen.
Eine Spekulationsblase im KI-Sektor sieht Ives derzeit noch lange nicht. Er betrachte die Entwicklung als vierte industrielle Revolution, die sich derzeit im dritten Jahr eines acht- bis zehnjährigen Zyklus befinde; dies sei erst der Anfang. Zugleich räumt der Analyst Risiken ein: Die größten Sorgen würden die Sicherheit, Energieengpässe und einen möglichen Verlust von Arbeitsplätzen betreffen. Manche Unternehmen nutzten KI als Vorwand für Entlassungen – ein Phänomen, das er „AI whitewashing" nennt. Setzten Konzerne künstliche Intelligenz nur ein, um Mitarbeiter zu entlassen, würden sie letztlich ihr intellektuelles Kapital und damit eine strategische Fehlentscheidung treffen, so Ives.
Für junge Gründer sei es dennoch ein „goldenes Zeitalter", betont der Experte. Heute brauche man keine zweistelligen Millionenbeträge mehr, um ein erfolgreiches Unternehmen zu starten – auch Anthropic, der Hersteller des KI-Modells Claude, sei vor zwei Jahren noch ein kleines Unternehmen gewesen. Das größte Wachstumspotenzial sieht der Analyst im Gesundheitswesen, in der Pharmazie und in der Biotechnologie: Ziel sei es, dass dank KI-Technologie eines Tages Krankheiten von Krebs bis Parkinson behandelt würden. KI werde sich als einer der größten Durchbrüche der modernen Geschichte erweisen, so Dan Ives im Gespräch mit money.pl.
Autor: Adam de Nisau