Deutsche Redaktion

Ex-Botschafter: Deutsch-polnischer Vertrag ebnete Polens Weg in den Westen

17.06.2026 11:03
Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag von 1991 hat nach Einschätzung des früheren polnischen Botschafters in Deutschland, Janusz Reiter, entscheidend zur Westintegration Polens beigetragen. Das Abkommen habe die Aussöhnung zwischen beiden Nationen gefördert und Polen zugleich den Weg in die europäischen und transatlantischen Strukturen geöffnet, sagte Reiter der Nachrichtenagentur PAP anlässlich des 35. Jahrestags der Vertragsunterzeichnung.
Janusz Reiter
Janusz ReiterWojciech Kusiński, Polskie Radio

Der am 17. Juni 1991 in Bonn unterzeichnete Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit habe gemeinsame demokratische Werte festgeschrieben und damit die Grundlage für Polens spätere Mitgliedschaft in der Europäischen Union und der NATO geschaffen, erklärte Reiter. Deutschland habe die polnischen Bestrebungen zur Integration in den Westen maßgeblich unterstützt.

Aus Sicht des ehemaligen Diplomaten stärkte das Abkommen auch die internationale Glaubwürdigkeit Polens. Die Bereitschaft, die Beziehungen zum westlichen Nachbarn trotz der Belastungen durch den Zweiten Weltkrieg neu zu gestalten, sei ein Zeichen politischer Reife gewesen. Der Vertrag sei zu einem Modell der Versöhnung zwischen zwei Nationen geworden, die durch eine tiefe historische Kluft getrennt gewesen seien.

Vorausgegangen war die deutsche Wiedervereinigung im Jahr 1990. Für Polen stand dabei die endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze im Mittelpunkt. Nach teils schwierigen Verhandlungen bestätigten beide Staaten zunächst im November 1990 die bestehende Grenze in einem separaten Vertrag. Der Nachbarschaftsvertrag folgte wenige Monate später.

Darin verpflichteten sich beide Seiten, Streitigkeiten friedlich zu lösen, die Menschenrechte zu achten und an einem geeinten Europa mitzuwirken. Die Bundesrepublik sagte zudem Unterstützung für den polnischen Beitritt zur damaligen Europäischen Gemeinschaft zu.

Nicht alle Streitpunkte konnten jedoch ausgeräumt werden. Bis heute wird kritisiert, dass die in Deutschland lebenden Polen im Vertrag nicht als nationale Minderheit anerkannt wurden, während die deutsche Minderheit in Polen diesen Status erhielt. Reiter hält die Debatte allerdings für weitgehend symbolisch. Die praktischen Rechte beider Gruppen seien vergleichbar, sagte er.

Auch die Frage möglicher deutscher Reparationen für die Schäden des Zweiten Weltkriegs wurde damals bewusst ausgeklammert. Nach Ansicht Reiters trug dies dazu bei, langwierige Konflikte zu vermeiden und die europäische Nachkriegsordnung nicht infrage zu stellen. Polen habe sich nach 1989 bewusst für eine Zukunft als Teil des Westens entschieden – gemeinsam mit Deutschland und nicht mehr zwischen Deutschland und Russland.


PAP/jc

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