Sikorski kritisierte insbesondere Formate, die sich auf Deutschland, Frankreich und Großbritannien konzentrieren. Die Europäische Union sei inzwischen zu groß, um allein vom deutsch-französischen Motor getragen zu werden. Staaten zwischen Skandinavien und der Adria seien von der russischen Bedrohung unmittelbar betroffen und müssten deshalb in politische Entscheidungen eingebunden werden.
Der Außenminister verwies auf die besondere Rolle Polens im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Polen grenze sowohl an Russland als auch an die Ukraine. Zudem würden rund 90 Prozent der westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine über polnisches Territorium transportiert. Polen trage daher ein erhebliches Risiko und habe Anspruch auf einen Platz am Verhandlungstisch, betonte Sikorski.
Mit Blick auf die europäische Sicherheit erklärte der Minister, dass Polen bereits vor Jahren begonnen habe, seine Verteidigungsausgaben deutlich zu erhöhen. Die europäische Aufrüstung gewinne Zeit vor allem durch den Widerstand der ukrainischen Armee gegen die russische Invasion.
Einen möglichen Frieden sieht Sikorski erst dann näher rücken, wenn Russland erkennt, dass die Fortsetzung des Krieges zu teuer wird. Die von der Europäischen Union bereitgestellten Finanzhilfen für die Ukraine könnten dabei eine wichtige Rolle spielen und Moskau zu einer Neubewertung seiner Strategie zwingen.
Auf Fragen zu innenpolitischen Spannungen zwischen Regierung und Präsident antwortete Sikorski, politische Konflikte seien auch in anderen europäischen Ländern nichts Ungewöhnliches und gehörten zum demokratischen Alltag.
Zugleich sprach sich der Außenminister erneut für einen Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union aus. Der Weg dorthin werde zwar aufgrund wirtschaftlicher und historischer Fragen schwierig sein, doch die gemeinsame Zukunft sei wichtiger als die Konflikte der Vergangenheit, so Sikorski.
FAZ/jc