Deutsche Redaktion

OSW-Chef sieht tiefe Krise in den polnisch-ukrainischen Beziehungen

24.06.2026 11:40
Der Direktor des Zentrums für Oststudien (OSW), Wojciech Konończuk, hat dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vorgeworfen, die aktuelle Krise in den Beziehungen zu Polen selbst ausgelöst zu haben. In einem Interview mit dem Nachrichtenportal Interia sagte Konończuk, Selenskyj fühle sich durch die jüngsten Entwicklungen offenbar persönlich verletzt und mache nun Polen für die Spannungen verantwortlich.
Wolodymyr Selenskyj
Wolodymyr SelenskyjFoto: PAP/UKRINFORM

Auslöser des Konflikts war nach Ansicht des Experten die Entscheidung Selenskyjs vom 26. Mai, einer ukrainischen Militäreinheit den Ehrennamen der Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) zu verleihen. Der Schritt habe in Polen starke Emotionen ausgelöst. Konończuk erklärte, der ukrainische Präsident sei in den vergangenen Jahren mehrfach davor gewarnt worden, staatliche Ehrungen für Organisationen oder Personen vorzunehmen, die in Polen als verantwortlich für Verbrechen an der Zivilbevölkerung gelten.

Der OSW-Direktor sieht in dem Vorgehen einen bewussten Versuch, die ukrainische Gesellschaft in einer schwierigen innenpolitischen Lage hinter der Führung zu vereinen. Historische Fragen würden zunehmend für innenpolitische Zwecke genutzt, sagte er. In der Ukraine fehle zudem vielfach das Verständnis für die Bedeutung des Wolhynien-Massakers im polnischen Geschichtsbewusstsein.

Konończuk warnte davor, dass Polen künftig als Sündenbock für mögliche Rückschläge der Ukraine auf dem Weg in die Europäische Union dargestellt werden könnte. Bereits jetzt vergleiche Selenskyj den polnischen Präsidenten Karol Nawrocki mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und deute an, Warschau könne die EU-Beitrittsverhandlungen blockieren.

Gleichzeitig betonte der Experte die strategische Bedeutung Polens für die Ukraine. So wie Polen einst gute Beziehungen zu Deutschland für seinen Weg in NATO und EU benötigt habe, werde auch die Ukraine ohne ein gutes Verhältnis zu Warschau ihre europäische Integration kaum erfolgreich abschließen können. Trotz der aktuellen Spannungen hoffe er auf eine Beruhigung der Lage in den kommenden Monaten. Die grundlegenden Streitpunkte – historische Fragen, unterschiedliche Erinnerungskulturen und Konflikte im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt der Ukraine – würden jedoch bestehen bleiben.

 

interia/jc

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