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Angekündigte Gesundheitsreform stößt auf breite Skepsis

09.07.2026 12:07
Nach einem öffentlichen Ultimatum des Premiers legt Polens Gesundheitsministerin ein Reformpaket vor – doch Fachleute warnen vor neuen Problemen. Die Opposition vergleicht die Maßnahmen mit "Pflastern auf Brüche mit Verschiebung" und fordert eine Demission der Ministerin.
Gesundheitsministerin Jolanta Sobierańska-Grenda whrend einer Pressekonferenz im Ministerium in Warschau am 8. dieses Monats. Thema der Veranstaltung waren die vom Gesundheitsministerium und der Nationalen Krankenkasse (NFZ) ausgearbeiteten Vorschlge fr geplante nderungen im Gesundheitswesen. (ad) PAPPiotr Nowak
Gesundheitsministerin Jolanta Sobierańska-Grenda während einer Pressekonferenz im Ministerium in Warschau am 8. dieses Monats. Thema der Veranstaltung waren die vom Gesundheitsministerium und der Nationalen Krankenkasse (NFZ) ausgearbeiteten Vorschläge für geplante Änderungen im Gesundheitswesen. (ad) PAP/Piotr Nowak PAP/Piotr Nowak

Polens Gesundheitsministerin Jolanta Sobierańska-Grenda hat nach einem öffentlichen Ultimatum von Ministerpräsident Donald Tusk ein Reformpaket für das Gesundheitswesen vorgestellt. Es soll vor allem hohe Arzthonorare, Mehrfachbeschäftigungen und intransparente Verträge begrenzen. Viele Fachleute halten die Vorschläge jedoch für unzureichend, weil sie aus ihrer Sicht das Kernproblem vieler Patienten kaum lösen: den schwierigen Zugang zu Behandlungen und lange Wartelisten.

Ultimatum nach Skandal um VIP-Behandlung für Politiker

Tusk hatte dem Gesundheitsministerium und dem Nationalen Gesundheitsfonds NFZ nach jüngsten Enthüllungen über Missstände bis Dienstag konkrete Empfehlungen abverlangt. Andernfalls drohten, wie er sagte, „Personalentscheidungen“. Politisch brisant ist der Vorgang auch deshalb, weil Sobierańska-Grenda als parteipolitisch unabhängige Fachministerin in ein bewusst entpolitisiertes Ressort berufen worden war.

Auslöser des Drucks waren unter anderem Veröffentlichungen des Portals zero.pl über das Warschauer Südspital. Nach dessen Recherchen arbeitete dort ein Arzt ohne Facharzttitel als Koordinator der Notaufnahme. Er soll im vergangenen Jahr durch Tätigkeiten in mehreren Einrichtungen 1,6 Millionen Złoty verdient haben; allein in einer Einrichtung wurden laut Portal 2025 insgesamt 3.976 Arbeitsstunden erfasst.

Gesundheitsministerium verspricht mehr Transparenz und Vorgehen gegen "Kofferärzte"

Sobierańska-Grenda kündigte an, Verträge von Einrichtungen mit NFZ-Finanzierung öffentlich nachvollziehbarer zu machen. Zudem sollen Arbeitszeiten in Krankenhäusern und Praxen erfasst und Obergrenzen für Vergütungen eingeführt werden. Als mögliche Grenze für medizinisches Personal nannte der NFZ 240 Złoty brutto pro Stunde. Auch soll festgelegt werden, welcher Anteil eines Krankenhausbudgets für Gehälter ausgegeben werden darf. Nach Angaben der Ministerin liegt dieser Anteil derzeit im Durchschnitt bei 81,3 Prozent.

„Wir werden auch maximale Vergütungsniveaus einführen, sowohl individuelle als auch maximale Ausgaben, die wir im Rahmen der Krankenhausbudgets empfehlen“, sagte Sobierańska-Grenda. Empfehlungen dazu sollen bis Ende August vorliegen. Außerdem will das Ministerium gegen sogenannte „Kofferärzte“ vorgehen, die in mehreren Kliniken parallel arbeiten. Künftig soll ein Arzt mindestens eine halbe Stelle in einem Hauptkrankenhaus haben; weitere Tätigkeiten sollen der Zustimmung dieses Arbeitgebers bedürfen.

Für Patienten kündigte die Ministerin eine digitale „e-Warteschlange“ für planbare Eingriffe bis Ende 2026 an. Die vollständige elektronische Registrierung soll bis Ende 2027 laufen. Das System werde, so Sobierańska-Grenda, „transparente, klare Regeln“ schaffen – unabhängig davon, ob jemand über eine Privatpraxis komme oder Protektion nutze.

"E-Registrierung kann Verfügbarkeit unterstützen, nicht ersetzen"

Die Kritik kam aus unterschiedlichen Richtungen. Der frühere Gesundheitsminister Marek Balicki nannte die Vorschläge fragmentarisch. Es fehle eine reale Reparatur des Systems sowie ein konkreter Zeitplan. Maria Libura von der Polska Sieć Ekonomii sagte, die Pläne konzentrierten sich zu stark auf Ärzte und ihre Einkommen. „Als Patientin bin ich nicht besonders daran interessiert, in irgendeiner Internet-App zu verfolgen, ob vielleicht in zwei Jahren ein Platz in Zielona Góra frei geworden ist“, sagte sie. Elektronische Registrierung könne reale Verfügbarkeit unterstützen, aber nicht ersetzen.

Auch die Ärztekammer warnte vor Folgen einer starren Honorardeckelung. Piotr Pisula von der Naczelna Izba Lekarska sagte, ein Limit von 240 Złoty pro Stunde könne in manchen Einrichtungen „mit einer Katastrophe enden“. „Wir befürchten, dass das Limit jene Orte treffen kann, die Probleme haben, Mitarbeiter zu finden. Das sind meistens Kreiskrankenhäuser.“ Der Gesundheitsexperte Jerzy Gryglewicz bewertete mehr Transparenz zwar positiv, warnte aber ebenfalls, gerade kleinere Krankenhäuser könnten Personal nur über höhere Sätze gewinnen.

"Pflaster auf Brüche mit Verschiebung". Opposition spricht von Scheinmaßnahmen

Die PiS-Opposition fordert weiter den Rücktritt der Ministerin. Die frühere Gesundheitsministerin Katarzyna Sójka sprach von Scheinmaßnahmen und „PR-Maßnahmen, auf Wirkung kalkuliert“. „Das, was die Frau Ministerin jetzt vorschlägt, kann man mit Pflastern auf offene Brüche mit Verschiebung vergleichen“, sagte sie. Aus der Regierungskoalition kam dagegen Rückendeckung: Wioleta Tomczak von Polska 2050 erklärte, ein Jahr vor Wahlen solle die Ressortspitze nicht ausgetauscht werden; die Vorschläge könnten reale Veränderungen anstoßen.

Sobierańska-Grenda wies Rücktrittsforderungen zurück. „Ich habe einen Vertrag mit dem Premierminister. Jeden Tag setze ich gemäß diesem Vertrag meine Arbeit fort“, sagte sie. Solange sie und Tusk diesen Vertrag fortführten, werde sie im Gesundheitsministerium bleiben.

IAR/PAP/adn

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