Warschau – Am Rande der Premiere des Buches „Gry pamięcią. O polityce historycznej, Polsce, Ukrainie i Rosji“ (Spiele mit der Erinnerung. Über Geschichtspolitik, Polen, die Ukraine und Russland) haben Historiker in Warschau über Wolhynien, die ukrainische Aufstandsarmee UPA und die heutige Ukraine-Politik Polens debattiert. An der Diskussion im Haus der Begegnung mit der Geschichte nahmen der Historiker Grzegorz Motyka, Direktor des staatlichen Wojskowy Instytut Historyczny, der Historiker Rafał Wnuk, Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig, sowie der Journalist und Historiker Andrzej Brzeziecki teil. Moderiert wurde die Runde von der Journalistin Karolina Lewicka.
Das Buch ist ein ausführliches Gespräch Brzezieckis mit Motyka über Geschichtspolitik in Polen, der Ukraine und Russland. Bei der Premiere wurde daraus eine Kontroverse über die Frage, wie Polen die ukrainische Erinnerung an die UPA beurteilen soll – und welche Folgen dieser Streit für die europäische Zukunft der Ukraine und für die polnische Außenpolitik hat.
Wnuk: UPA-Gedenken schwächt die ukrainische „soft power“
Wnuk kritisierte, dass ukrainische Behörden die Tradition der UPA und des ukrainischen Nationalismus hervorheben. Er sprach über Geschichtspolitik als Mittel der „soft power“, also der Fähigkeit eines Staates, über Werte und Anziehungskraft Einfluss zu gewinnen. „Aus dieser Perspektive macht die Ukraine einen Fehler, wenn sie der UPA gedenkt“, sagte Wnuk. „Auf diese Weise nimmt der ukrainische Staat Werte zum Vorbild und erkennt sie als die eigenen an, die eine tief antidemokratische, nationalistische und totalitarisierende Bewegung repräsentierte.“
Für Wnuk berührt diese Frage auch den Weg der Ukraine in die Europäische Union. „Das hat an keinem Punkt Berührung mit dem, was wir heute als europäische Werte betrachten. Die Frage ist, ob die Ukraine mit einem solchen Gepäck in die Europäische Union eintreten kann. Meiner Meinung nach kann das ein Problem sein.“
Motyka warnt vor Gleichsetzung von AK und UPA
Motyka wandte sich vor allem gegen eine Gleichsetzung der UPA mit der polnischen Heimatarmee AK. Nach seiner Einschätzung hat ein Streit um die europäische Darstellung der Geschichte begonnen. Es gehe darum, „was in europäischen Schulbüchern über das polnisch-ukrainische Grenzgebiet in der Zeit des Zweiten Weltkriegs stehen wird“. Wer sich aus dieser Auseinandersetzung heraushalten wolle, stimme letztlich zu, dass „das Gleichheitszeichen zwischen AK und UPA zur moralischen und historischen Norm wird“.
Diese Gleichsetzung sei für ihn nicht haltbar. „Von der historischen Seite ist das unwahr, von der moralischen Seite unmöglich“, sagte Motyka. „Die AK war eine überparteiliche Armee, die UPA war eine Formation einer radikal nationalistischen Parteistruktur, die alle politischen Konkurrenten ausschaltete, wenn sie sich ihr nicht unterordneten. Die AK hat nie eine so gigantische ethnische Säuberung begangen.“
„Massenverbrechen kann man nicht rechtfertigen“
Dabei betonte Motyka, dass er der UPA nicht ihren Kampf gegen Moskau abspreche. „Ich bestreite nicht, dass die UPA für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpfte. Ich bestreite nicht, dass sie tapfer und mutig gegen die sowjetische Herrschaft kämpfte. Aber Massenverbrechen kann man nicht rechtfertigen, denn das widerspricht europäischen Werten.“
Motyka sagte weiter, es habe „ein Spiel um die Europäische Union“ begonnen und darum, „welche Geschichte der Ukraine in Paris, London oder Berlin in den Regalen stehen wird“. Er vermutet, ukrainische Behörden hätten an eine Version der Geschichte geglaubt, nach der es zwischen Polen und der Ukraine eine Art „moralisches Unentschieden“ gebe. Aus seiner Sicht geht es in der Auseinandersetzung auch um Einfluss in der Region.
Brzeziecki: Historischer Streit darf Hilfe für die Ukraine nicht schwächen
Brzeziecki widersprach dieser Interpretation. Er warnte davor, der Ukraine zu unterstellen, sie wolle Polen als politischen Akteur in der Region ausspielen. Die Ukraine sei trotz militärischer Erfolge gegen Russland in einer schwierigen Lage. „Die Ukraine wird vom Erfolg ihrer letzten taktischen Siege gegen Russland getragen – und das ist sehr gut. Aber es gibt viele Gründe, weshalb sie zugleich ein Paria Europas ist: die Armut der Gesellschaft, Korruption, institutionelle Defizite.“
Vor allem dürfe die aktuelle Kriegssituation nicht aus dem Blick geraten. „Heute sterben Menschen am Dnipro. Eine historisch motivierte Auktion darüber, wer diesen Menschen weniger hilft und dadurch mehr Tod zulässt, kann keine Form sein, die Opfer von Wolhynien zu ehren“, sagte Brzeziecki. „Kämpfen wir um die Erinnerung und streiten wir über historische Fragen, aber spielen wir nicht mit der heutigen Tragödie von Menschen, die unter russischem Beschuss stehen.“
Brzeziecki plädierte dafür, historische Streitfragen und strategische Interessen Polens auseinanderzuhalten. Polen müsse sich fragen, welchen Nachbarn es in einigen Jahren haben wolle: eine gekränkte, vom Krieg traumatisierte Ukraine oder einen Nachbarn, mit dem Gespräche möglich bleiben. Ebenso gehe es darum, ob Polen in Europa als Gegner der Ukraine wahrgenommen werden wolle oder als ihr Fürsprecher.
Russland und die Frage des monoethnischen Polen
In der Diskussion ging es auch um Russland und die polnische Geschichte. Motyka stellte dabei eine eigene Deutung vor: Nach seiner Auffassung habe Moskau ein Interesse an einem ethnisch homogenen Polen gehabt, weil ein vielfältiges, nach Osten ausstrahlendes Polen für Russland gefährlicher gewesen sei. In diesem Zusammenhang bewertete er auch die Aktion „Weichsel“ von 1947 nicht als polnischen Patriotismus in kommunistischem Gewand, sondern als Politik, die letztlich der sowjetischen Kontrolle gedient habe.
Brzeziecki verwies dagegen auf die Bedeutung der polnischen Westbindung nach 1989. Polen sei durch Europa für Menschen aus der Region attraktiv geworden. „Dank Europa sind wir zu einem so attraktiven Staat geworden, dass die Ukrainer beschlossen haben, zu den Waffen zu greifen, um nicht mehr in der russischen Welt zu leben“, sagte er. Das sei ein zivilisatorischer, kultureller und wirtschaftlicher Erfolg, den Polen nicht leichtfertig verlieren dürfe.
PAP/adn