Tusk erinnerte an den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 und an die Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Von der Westerplatte aus, wo sich damals „die Hölle des Zweiten Weltkriegs“ entfesselt habe, müsse heute die Lehre gezogen werden, dass Sicherheit nicht allein auf Versprechen und Bündnissen auf dem Papier beruhen dürfe.
„Wir müssen heute auf unsere eigene Stärke, auf reale Bündnisse setzen, nicht auf Beschwörungsformeln, nicht auf Mythen“, sagte der Regierungschef. Die Verantwortung für den Schutz der Ukraine liege auch beim Westen. „Das Schicksal der Ukraine ist auch unser Schicksal in der nahen Zukunft.“
Tusk warnte zugleich vor einer erneuten Politik des Nachgebens gegenüber Aggressoren. „Wir dürfen die Fehler von damals nicht wiederholen, München darf sich nicht wiederholen – diese gespenstische, hilflose, kraftlose Politik des Nachgebens gegenüber dem Bösen“, sagte er. Damit spielte er auf das Münchner Abkommen von 1938 an, mit dem Großbritannien und Frankreich der Abtretung des Sudetenlandes an Hitler-Deutschland zustimmten.
Der Ministerpräsident rief Europa und die USA zu Geschlossenheit auf. Die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg müssten die Haltung der „gesamten freien Welt“ bestimmen. Das transatlantische Bündnis dürfe „kein Bündnis auf dem Papier“ sein, sagte Tusk.
Nawrocki: Wahrheit über deutsche Verbrechen werde zu wenig gehört
Bei der zentralen Gedenkfeier sprach zuvor Präsident Karol Nawrocki. Er forderte ein stärkeres Bewusstsein für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs und kritisierte einen aus seiner Sicht unzureichenden Umgang mit der deutschen Verantwortung.
„Es gibt eine Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg, die bei unseren westlichen Nachbarn, bei unseren Verbündeten in Berlin, in Deutschland, nur sehr wenig gehört wird“, sagte Nawrocki. Diese Wahrheit kenne oder wolle Europa nicht kennen und sie erreiche auch nicht die andere Seite des Atlantiks.
„Der 1. September war das Tor zu dem von Deutschen und Sowjets über das polnische Volk gebrachten Gemetzel und Pandämonium“, so Nawrocki. Er erinnerte daran, dass „jeder sechste Pole während des Zweiten Weltkriegs ums Leben kam“.
Nawrocki bezeichnete die Westerplatte als eines der wichtigsten Symbole des Zweiten Weltkriegs. Die polnischen Soldaten hätten dort nicht nur gegen eine überlegene deutsche Streitmacht gekämpft. Auf der Westerplatte habe sich auch ein „Archetyp von Haltungen während des gesamten Zweiten Weltkriegs“ herausgebildet.
Verteidigungsminister: „Nie wieder ein Polen, das nur Mut hat“
Auch Vizepremier und Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz verwies auf die Lehren aus der Verteidigung der Westerplatte. Die polnischen Soldaten hätten damals auf Unterstützung ihrer Verbündeten gewartet. „Die Entsatztruppen kamen nicht. Es gab Vereinbarungen, es gab Unterschriften, es gab Bündnisse. Niemand kam“.
Aus dieser Erfahrung müsse Polen Konsequenzen ziehen. „87 Jahre später, als Verteidigungsminister, weiß ich eines: Ich will keine weiteren gefallenen Helden heranziehen. Ich will, dass die polnischen Soldaten immer nach Hause zurückkehren“, sagte Kosiniak-Kamysz.
Er verwies auf die polnischen Verteidigungsanstrengungen und sagte, Polen habe inzwischen eine Armee von 220.000 Soldaten und gebe jährlich 200 Milliarden Złoty für seine Sicherheit aus.
Zugleich rief der Minister zu innerer Geschlossenheit auf. Die Soldaten der Westerplatte hätten einander nicht gefragt, „wer für wen gestimmt hat“. Sie hätten eine Uniform getragen und einen gemeinsamen Befehl gehabt. „Wir werden uns immer unterscheiden. Das ist das Recht freier Völker“, sagte Kosiniak-Kamysz. Es gebe jedoch eine Grenze, hinter der politischer Streit zu einem Geschenk für diejenigen werde, „die uns schlecht wollen“.
„Vor 87 Jahren war Polen allein. Es hatte nur Mut. Nie wieder ein Polen, das nur Mut hat“, sagte der Verteidigungsminister.
Gedenken auf der Westerplatte
Die Gedenkfeiern auf der Westerplatte begannen am frühen Morgen. Um 4.15 Uhr wurde ein Kranz auf dem Soldatenfriedhof der polnischen Armee niedergelegt. Um 4.45 Uhr ertönten die Alarmsirenen – zu diesem Zeitpunkt hatten am 1. September 1939 die ersten Schüsse des deutschen Schlachtschiffs „Schleswig-Holstein“ auf die polnische Militäranlage auf der Westerplatte begonnen.
Auch in Wieluń wurde des Kriegsbeginns gedacht. Die Stadt war am 1. September 1939 Ziel eines deutschen Luftangriffs. Dort nahmen unter anderem Parlamentspräsident Włodzimierz Czarzasty und der stellvertretende Verteidigungsminister Cezary Tomczyk an den Gedenkfeiern teil.
IAR/jc