Die Ukraine hat eine interaktive Karte zu Orten des polnisch-ukrainischen Konflikts der Jahre 1939 bis 1947 veröffentlicht. Das Projekt des Ukrainischen Nationalen Gedenkinstituts UINP soll den Zugang zu Archivmaterial erleichtern und bisher schwer zugängliche Dokumente sichtbar machen. Historiker warnen zugleich davor, die überwiegend sowjetischen Quellen nicht ungeprüft zu übernehmen.
Die Datenbank umfasst derzeit 2700 Ereignisse, erklärte UINP-Präsident Oleksandr Alfjorow vor polnischen Journalisten. Einige Dokumente würden erstmals veröffentlicht. Die bislang nur ukrainischsprachige Plattform ermöglicht die Suche nach Orten und zeigt kurze Ereignisbeschreibungen sowie Scans der zugehörigen Quellen.
Die Dokumente betreffen unter anderem Übergriffe deutscher Besatzungskräfte sowie Gewalt zwischen Ukrainern und Polen. Bei der Präsentation in der Diplomatischen Akademie der Ukraine übergab der Auslandsnachrichtendienst weitere 15 Akten in 28 Bänden für die Plattform.
Alfjorow zufolge können Akten des sowjetischen NKWD neues Licht auf den Konflikt werfen. Er verwies auf Materialien über Operationen gegen den polnischen Untergrund, die der Anwerbung von Agenten und dem Anstacheln zu Vergeltungsaktionen gedient haben sollen. Ein Bericht erwähne zudem NKWD-Funktionäre, die als Angehörige der Ukrainischen Aufstandsarmee UPA verkleidet gewesen seien. Solche Hinweise erlauben keine pauschale Relativierung der Verbrechen von OUN und UPA; die Verantwortung für einzelne Taten muss anhand mehrerer Quellen geprüft werden.
Die stellvertretende Leiterin des ukrainischen Präsidialamtes, Iryna Wereschtschuk, rief dazu auf, politische Emotionen und Interessen aus der historischen Debatte herauszuhalten. Nichts dürfe gegen die beiden Völker verwendet werden, sagte sie.
Polnisches IPN warnt vor unkritischem Umgang mit Sowjet-Akten
Der polnische Historiker Mirosław Szumiło vom Forschungsbüro des Instituts für Nationales Gedenken IPN sieht in der Karte einen möglichen Nutzen, warnt aber vor einem unkritischen Umgang. Auf der Karte seien 2631 Punkte in der heutigen Ukraine und in Polen markiert, unter anderem in der Region Lublin und im Karpatenvorland. Die Zahl der Orte ist nicht mit den vom UINP genannten 2700 Ereignissen gleichzusetzen.
Die Einträge enthielten meist kurze Beschreibungen und Scans von Dokumenten sowjetischer Stellen, erklärte Szumiło. Für Historiker seien sie interessant; ihre Zuverlässigkeit müsse jedoch stets überprüft werden.
Als Beispiel nannte Szumiło Wierzchowiny bei Chełm. Dort wurden am 6. Juni 1945 ukrainische Dorfbewohner ermordet. Die Karte führt ein Dokument an, das eine Gruppe der Heimatarmee AK verantwortlich macht und 240 Todesopfer nennt. Nach polnischer Forschung verübte jedoch eine Einheit der Nationalen Streitkräfte NSZ unter Mieczysław Pazderski „Szary“ das Verbrechen; die Opferzahl wird inzwischen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf 196 beziffert.
Für die Dörfer Ostrówki und Wola Ostrowiecka, in denen im August 1943 polnische Zivilisten ermordet wurden, bewertet Szumiło die Quellen als ergänzendes Material. Es handelt sich um Aussagen ukrainischer Zeugen, die 1976 von sowjetischen Behörden vernommen wurden; konkrete Opferzahlen oder Namen enthalten sie nicht.
Die Veröffentlichung folgt auf ukrainische Ankündigungen zu mehr Archivoffenheit. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte im Juli erklärt, die Archive des Sicherheitsdienstes und des Auslandsnachrichtendienstes zu den Ereignissen des 20. Jahrhunderts in Wolhynien zu öffnen. Er kündigte außerdem weitere Genehmigungen für Such- und Exhumierungsarbeiten an.
Polen und die Ukraine bewerten die Rolle von OUN und UPA seit Jahren unterschiedlich. Polnische Historiker gehen davon aus, dass UPA-Einheiten im Juli 1943 koordinierte Angriffe auf etwa 150 polnisch bewohnte Orte in Wolhynien verübten. Forschungsschätzungen zufolge wurden zwischen Februar 1943 und Frühjahr 1945 in Wolhynien und Ostgalizien mehr als 100.000 Polen getötet. Polen stuft die Verbrechen als Völkermord ein. In der Ukraine gelten OUN und UPA häufig als Symbole des Unabhängigkeitskampfes und des Widerstands gegen die Sowjetunion; viele ukrainische Historiker und Politiker ordnen die Gewalt zugleich in einen breiteren polnisch-ukrainischen Konflikt ein.
PAP/adn