Die Europäische Kommission beobachte die Entwicklungen in Polen genau. In einer sorgfältig formulierten Stellungnahme habe sie offenbar die Position Tusks unterstützt, berichtete Politico am Sonntag. „Das polnische Verfassungsgericht muss in der Lage sein, im Einklang mit der polnischen Verfassung und der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union zu arbeiten“, sagte der EU-Kommissar für Demokratie, Justiz und Rechtsstaatlichkeit, Michael McGrath, laut Politico. „Das ist für alle polnischen Bürger von Bedeutung. Es liegt an den polnischen Behörden, dies sicherzustellen“, fügte McGrath hinzu.
Zudem erklärte er, das Beratungsgremium des Europarats für Verfassungsfragen, die Venedig-Kommission, habe deutlich gemacht, dass die Ernennung neuer Richter in die Zuständigkeit des polnischen Parlaments, des Sejm, falle, berichtete Politico.
Premier Tusk will in dem Streit nicht nachgeben
„In einigen Fragen kann es keinen Kompromiss geben“, sagte Tusk in einer Ansprache an die Nation am Samstag. Forderungen nach Versöhnung verglich er mit dem Verlangen eines Diebes, die Hälfte der Beute behalten zu dürfen. „Wir haben zu lange auf das kostbare Gut eines unabhängigen, demokratischen Polens gewartet, als dass wir uns jetzt einschüchtern und zum Rückzug bewegen lassen könnten“, sagte Tusk.
Tusk kritisierte auch Nawrocki, der am Freitag während des Fluges nach Senegal umgekehrt und nach Warschau zurückgekehrt ist, wo er das Gebäude des Verfassungsgerichts, trotz Widerstand einiger Richter, betreten hat. „In einem Rechtsstaat kann ein Politiker nicht ein Gericht oder ein Verfassungsgericht betreten, Anweisungen erteilen oder Richter einschüchtern. Das gilt auch für den Präsidenten“, sagte Tusk.
Präsidialsprecher: persönliche Unversehrtheit des Präsidenten verletzt
Der Sprecher Nawrockis, Rafał Leśkiewicz, erklärte unterdessen am Sonntag, die Präsidialkanzlei werde bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen die Richter Anna Korwin-Piotrowska, Maciej Berek und Krystian Markiewicz erstatten. Sie hätten „die persönliche Unversehrtheit des Präsidenten verletzt“.
In dem Streit stehen sich die Regierung des Mitte-Politikers Tusk und der konservative Präsident Karol Nawrocki gegenüber. Im Mittelpunkt stehen die Bemühungen, die Justizreform rückgängig zu machen, welche die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) zwischen 2015 und 2023 umgesetzt hatte.
Die Reformen stießen bei europäischen Gerichten auf Kritik. Diese äußerten Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit der Justiz, berichtete Politico. Der im vergangenen Jahr mit Unterstützung der PiS zum Präsidenten gewählte Nawrocki weigert sich, einige der von der derzeitigen Parlamentsmehrheit gewählten Verfassungsrichter zu vereidigen. Die mit der PiS verbundenen Mitglieder der Gerichtsführung verhindern ihrerseits, dass die Richter ihre Ämter antreten können, berichtete Politico.
PR/Politico/ps