Am Samstag nahmen die polnischen und litauischen Präsidentenpaare an den Gedenkfeiern zum 163. Jahrestag des Januaraufstands von 1863 teil. Auf Einladung von Präsident Nawrocki beteiligte sich auch eine Delegation des demokratischen Belarus unter der Leitung von Swetlana Tichanowskaja an den Zeremonien. Am sogenannten Todestor in Warschau wurden Kerzen an symbolischen Gräbern der Opfer der Moskauer Unterdrückung entzündet. Hier wurden zahlreiche polnische Aufständische von 1863, darunter der Anführer Romuald Traugutt, von den einstigen russischen Besatzern zur Hinrichtung an den Hängen der Warschauer Zitadelle geführt.
Wie Präsident Nawrocki sagte, hätten die Aufständischen des Januaraufstands unter anderem deshalb gekämpft, weil sie sich „an die Erste Polnische Republik, die Polnisch-Litauische Adelsrepublik, erinnerten – einen Staat, der die gemeinsame Heimat von Polen, Litauern und Ruthenen war“. Diese Republik habe vielen Nationen die Möglichkeit gegeben, ihre Bestrebungen zu verwirklichen, fügte er hinzu.
Rund 200.000 Aufständische hatten sich am Januaraufstand beteiligt. Etwa 20.000 von ihnen kamen ums Leben, 700 weitere wurden von den russischen Behörden bei öffentlichen Hinrichtungen in Warschau und Vilnius ermordet „Dieses Blut ist es, das bis heute unser Verständnis von Unabhängigkeit und Souveränität prägt. Es wurde zu einer der historischen Grundlagen für den Wiederaufbau der Zweiten Polnischen Republik, für den die Aufständischen des Januaraufstands von 1863 ein wichtiger Bezugspunkt waren“, sagte der polnische Präsident.
Alexander I., Alexander II., Zar Nikolaus, Josef Stalin und Wladimir Putin
Er fügte jedoch hinzu, dass wir heute „eine Zeit erleben, in der das Imperium zurückschlägt – und es ist nicht mehr Alexander I., nicht Alexander II. und nicht Zar Nikolaus. Es ist auch nicht mehr Josef Stalin, sondern Wladimir Putin (...). Es ist jedoch weiterhin dasselbe Russland, das Menschen in der Ukraine tötet und die Lage in unserer Region destabilisiert“. Nawrocki nach würde es für Russland in internationalen Beziehungen immer noch nur darum gehen, Nationen gegeneinander auszuspielen. „Heute schätzen wir unsere Freiheit, Unabhängigkeit und Souveränität zutiefst – und wir werden sie niemals aufgeben, denn dafür sind die Kämpfer des Januaraufstands gestorben“, betonte er. „Imperien fallen, aber die Freiheit bleibt bestehen und wird immer siegen. Gott segne ein freies und unabhängiges Polen. Gott segne ein freies Litauen, Gott segne eine freie Ukraine und ein freies belarussisches Volk. Ehre und Ruhm den Kämpfern des Januaraufstands“, schloss das polnische Staatsoberhaupt seine Rede.
Der litauische Präsident Nausėda betonte seinerseits, „heute seien wir alle Zeugen dafür, dass die finsteren Absichten des russischen Imperiums ins Leere gelaufen sind“. Jahrhunderte aggressiver militärischer Expansion, brutaler Unterdrückung, Propaganda, Hinrichtungen und Deportationen hätten sich als wirkungslos erwiesen.„Polen lebt, ist frei und unabhängig. Es ist nicht untergegangen, hat nicht kapituliert und alle ihm auferlegten Prüfungen überstanden. Auch Litauen hat überlebt. Wir haben durchgehalten, damit wir heute – inspiriert von den Helden unserer gemeinsamen Geschichte – gemeinsam mit der polnischen Nation zuversichtlich in die Zukunft blicken können“, sagte Nausėda. Litauen und Polen seien zwei brüderliche Nationen, die den Verlust der Freiheit, den Kampf um ihre Wiedererlangung sowie die Notwendigkeit, sie zu verteidigen, vollkommen verstünden, fügte er hinzu.
Nausėda hob außerdem hervor, dass Russland erneut offen die gesamte zivilisierte Welt bedrohe – ihr westliches Erbe und alle freiheitsliebenden Länder. „Im Bestreben, sein Imperium wieder aufzubauen, führt Moskau seit fast vier Jahren eine brutale Aggression gegen die Ukraine und greift das an, was es am meisten hasst: die Idee der Freiheit selbst [...]. Heute sind Polen und Litauen Ziel eines gemeinsamen Feindes – und unser Mut, unsere Stärke und unsere Errungenschaften stellen eine Bedrohung für den Kreml-Diktator dar, der Millionen versklavter Menschen nur weiteres Leid, immer neue Reue und Opfer anbieten kann.“
„Wir sind unbequem, weil wir sie daran erinnern, dass es immer die Möglichkeit von Widerstand, Beharrlichkeit sowie des Aufbaus von Gesellschaften und Staaten auf der Grundlage menschlicher Würde gibt. Wir sind würdige Erben des Januaraufstands und haben die Pflicht, es auch zu bleiben“, schloss Gitanas Nausėda.
Der Januaraufstand war am 22. Januar 1863 ausgebrochen. Es war der längste polnische bewaffnete Aufstand gegen die Teilungsmächte. Militärisch war er jedoch aussichtslos. Politisch beruhte er auf unerfüllten Hoffnungen, dass die Regierungen verschiedener europäischer Staaten ihn unterstützen und eingreifen würden. Im Gegensatz zum Kościuszko-Aufstand und zum Novemberaufstand, bei denen reguläre polnische Militäreinheiten gegen Russland gekämpft hatten, stützte sich der Januaraufstand ausschließlich auf den Guerillakrieg.
PAP/IAR/ps