Die ersten warmen Frühlingstage begrüßten die Ukrainer mit Erleichterung, denn es war gelungen, den härtesten Winter seit Jahren zu überstehen. Die Russen nutzten die sibirische Kälte rücksichtslos aus und zerstörten systematisch das ukrainische Elektrizitäts- und Fernwärmesystem. Hunderttausende Menschen waren zeitweise ohne Strom und Heizung, kein einziges Kraftwerk blieb unbeschädigt, und einige – wie das Heizkraftwerk Darnyzia am Stadtrand von Kiew – wurden dauerhaft stillgelegt. Der gesamte Energiesektor wurde geschwächt, was den Wiederaufbau vor dem nächsten Winter erschwert und verteuert.
Die Erleichterung währte jedoch nicht lange. Der amerikanisch-israelische Angriff auf den Iran, der den nun seit fast einem Monat andauernden Krieg am Persischen Golf auslöste, brachte der Ukraine neue Herausforderungen.
Raketen für den Golf statt für die Ukraine
In den ersten Tagen des Konflikts, als sich herausstellte, dass die arabischen Verbündeten der USA, die im Gegenschlag vom Iran mit Hunderten von „Schahed"-Drohnen angegriffen wurden, zu deren Abschuss Raketen der Patriot-Flugabwehrsysteme einsetzen, bot Kiew sein eigenes Know-how, seine Erfahrung und taktische Lösungen an – vor allem aber Abfangdrohnen. Ziel war es, an die wertvollen amerikanischen PAC-3-MSE-Raketen zu gelangen – die einzigen, die einen einigermaßen wirksamen Abschuss russischer ballistischer Raketen ermöglichen. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass dieses Angebot angenommen wurde, und der Mangel an diesen Raketen droht der Ukraine die Fähigkeit zu nehmen, ihre Infrastruktur vor russischen Angriffen zu schützen – geschweige denn sie vor dem nächsten Winter wiederaufzubauen. Die Angriffe hörten mit Frühlingsbeginn nicht auf, sondern wurden sogar noch demonstrativer, wofür zuletzt etwa der Beschuss von Lwiw mitten am Tag ein Beispiel war. Obwohl weiterhin Raketen an die Ukraine geliefert werden, bringt der Krieg im Iran mehr Unsicherheit hinsichtlich der Kontinuität dieser Lieferungen.
Selenskyj im diplomatischen Abseits
Eine politische Herausforderung für Präsident Selenskyj ist die Konzentration der Aufmerksamkeit und Ressourcen der USA auf den Nahen Osten. Die sogenannten Friedensverhandlungen, die seit fast einem halben Jahr intensiv an verschiedenen Orten der Welt über die Bedingungen zur Beendigung des Krieges in Europa geführt wurden, sind unterbrochen worden. Seit einem Monat finden keine Treffen der ukrainischen, amerikanischen und russischen Delegationen statt. Auf den letzten Besuch der ukrainischen Delegation in Florida hatte Kiew gedrängt, doch das Treffen mit Steve Witkoff und Jared Kushner brachte keinerlei konkrete Ergebnisse. Präsident Trump ist an den Ufern des Dnipro eine zumindest umstrittene Figur – er wird als Brandstifter der Welt und de facto als Verbündeter Russlands wahrgenommen. Zugleich sind die USA jedoch ein unverzichtbarer Partner im Hinblick auf für die Ukraine äußerst wichtige Fähigkeiten: Satellitenaufklärung, Starlink-Kommunikation sowie die Möglichkeit, mit europäischen Mitteln Waffen zu beschaffen. Ein Risiko für die Ukraine wäre ein Rückzug Washingtons aus den Gesprächen über die Beendigung des Krieges mit Russland, da dies eine Aussetzung dieser Unterstützung nach sich ziehen könnte. Der sich hinziehende Krieg mit dem Iran könnte zudem einen wachsenden Druck der USA auf Kiew zur Folge haben, ungünstige Friedensbedingungen zu akzeptieren – Trump könnte vor den Zwischenwahlen zum Kongress im November einen „Erfolg" verkünden wollen. In den letzten Wochen steigt die Temperatur des indirekten „Austauschs von Höflichkeiten" zwischen Trump und Selenskyj, und Ersterer lehnt ein Gipfeltreffen ab. Zuletzt hatte es eine ähnliche Situation im Februar vergangenen Jahres gegeben, die mit einem Eklat im Weißen Haus endete.
Moskaus Trumpfkarte: Öl und Einfluss
Je länger die USA im Nahen Osten engagiert sind, desto eher könnten sie zu dem Schluss gelangen, dass die Hilfe Russlands unverzichtbar ist. Der Konflikt hat bereits zu einer Abschwächung der amerikanischen Ölsanktionen geführt, was es Moskau ermöglicht, die Verluste der letzten Monate wettzumachen. Bloomberg berichtete kürzlich, dass die wöchentlichen Einnahmen aus dem Ölexport auf 1,7 Milliarden Dollar gestiegen sind – der höchste Wert seit 2022. Dies ist auch auf den weltweiten Anstieg des Rohstoffpreises zurückzuführen – auf über 100 Dollar pro Barrel –, bedingt durch die anhaltende Blockade der Straße von Hormus, einer global bedeutenden Arterie für den Export von Energierohstoffen aus der Region in die Welt.
Die Ukraine zahlt den Preis
Teurer werdendes Öl und Gas füllen den russischen Haushalt, während sie den ukrainischen auszehren. In den ersten drei Kriegswochen stiegen die Benzinpreise für ukrainische Verbraucher um rund 15 Prozent, die Dieselpreise um über 20 Prozent und die Preise für das hauptsächlich aus Ungarn importierte Erdgas um über 50 Prozent. Die Kraftstoffpreise erhöhen die Kosten der Kriegsanstrengungen – schließlich fahren die meisten Panzer und Schützenpanzer mit Diesel –, belasten aber auch Unternehmen und Bürger, von denen die meisten größere oder kleinere Stromgeneratoren besitzen, die bei Blackouts zum Einsatz kommen. Schließlich erschweren die steigenden Gaspreise der Ukraine das Befüllen der unterirdischen Speicher vor dem nächsten Winter und werden sich zudem negativ auf die Preise importierter Düngemittel auswirken – ein wichtiger Kostenfaktor für die Wettbewerbsfähigkeit der ukrainischen Landwirtschaft.
Für Russland ist der Krieg im Nahen Osten ein „Geschenk des Himmels" – möge er so lange wie möglich dauern. Für die Ukraine ist es genau umgekehrt.
Zum Autor:
Tadeusz Iwański, Leiter des Teams für Belarus, Ukraine und Moldau am Zentrum für Oststudien (OSW), in der Vergangenheit Journalist bei Polskie Radio dla Zagranicy (Auslandsdienst des Polnischen Rundfunks).