Mit dem Kredit will Kiew vor allem zwei zentrale Ziele verfolgen: den Erwerb von Waffen im Ausland und den massiven Ausbau der eigenen Rüstungsproduktion. „Die Ukraine braucht dieses Geld dringend, um ihre Verteidigungsfähigkeit zu stärken und unabhängiger von externen Lieferungen zu werden“, sagte der Politologe Nedim Useinow.
Ein erheblicher Teil der Mittel – rund 60 Milliarden Euro – soll direkt in den Verteidigungssektor fließen. Neben dem Kauf moderner Waffensysteme plant die Ukraine, ihre eigene Industrie deutlich auszubauen. Dazu zählen unter anderem die Produktion von Drohnen, die Entwicklung ballistischer Raketen sowie neue Ansätze im Bereich der Satellitentechnologie.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuletzt auf eine Freigabe der Mittel gedrängt und zugleich signalisiert, dass Kiew bei strittigen Energiefragen zu Zugeständnissen bereit sei. So wurde die wichtige Druschba-Pipeline für russisches Öl wieder in Betrieb genommen – ein Schritt, der insbesondere Ungarn entgegenkommt.
Die Regierung von Viktor Orbán hatte das Vorhaben monatelang blockiert und ihre Zustimmung an energiepolitische Bedingungen geknüpft. Nach der Wiederaufnahme der Öltransporte deutet nun vieles darauf hin, dass Budapest den Weg für die Auszahlung freimachen wird.
„Die Ukraine entwickelt sich zunehmend vom Objekt zum Akteur“, sagte Useinow. Durch gezielte Angriffe auf strategische Infrastruktur in Russland habe das Land seine Verhandlungsposition sichtbar verbessert.
„Wir erinnern uns, in welch herablassendem Ton Präsident Donald Trump über die Ukraine sprach. Er sagte, sie habe weder Karten noch Argumente (...) Die Ukraine zieht jedoch ihre Lehren, hört zu und sagt dann: Wir müssen unsere Fähigkeiten stärken. Und nun greift sie sehr entschlossen strategische Ziele Russlands an – unabhängig davon, ob es jemandem gefällt oder nicht“, stellt der Experte fest.
PAP/jc